Das „Heilige Jahr“ geht zu Ende. Ja, 2025 war ein „Heiliges Jahr“. „Heiliges“ Jahr? Es ist doch Krieg in der Ukraine, im Gaza-Streifen, im Sudan. Es herrscht ein Wirtschaftskrieg zwischen Diktatoren und Kleptokraten, die zurzeit die Welt unter sich aufteilen wollen. Wir sehen den Rechtsruck in der Gesellschaft; Spaltung hier, Desinteresse dort. Das alles ist doch ganz und gar nicht „heilig“, oder?
„Heiliges Jahr“ ist auch eher etwas für die katholische Binnenwelt. Alle 25 Jahre gibt es so etwas. Seit dem Jahr 1300. 2025 war eines dieser „Heiligen Jahre“. Und das hatte seinen Grund und ein Thema: das 1.700jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa.
Papst Leo ist extra hingefahren, nach Nizäa, in das heutige Iznik in der Türkei. Wo im Jahre 325 das erste Konzil stattgefunden hat. Heute gibt es dort nur noch Ruinen. Die Basilika, in der das Konzil stattgefunden hat, war von einem See überschwemmt gewesen. Eine versunkene Kathedrale. Nach Jahrhunderten tauchte die Basilika wieder auf. Damals, 325 also, haben 29 Bischöfe daran teilgenommen, mehr nicht. Zum Vergleich: Beim letzten Konzil in den Sechzigerjahren waren es bereits 2.400. Einer der 29 Bischöfe in Nizäa war der heilige Nikolaus, den die Kinder so mögen. Leider sind alle Kindergeschichten von ihm bloß Legenden. Das einzig Historische am heiligen Nikolaus ist das Konzil von Nizäa.
Warum gab es damals ein Konzil? Kaiser Konstantin hatte es einberufen. Er wollte mit der Einheit des Glaubens die Einheit seines Reiches sichern. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal getauft.
Was wurde besprochen? Es ging um Jesus. Ob er Gottes Sohn ist oder nicht. Arius, ein Presbyter aus Alexandria, meinte nämlich: Jesus ist nicht Gottes Sohn. Sondern nur ein Geschöpf. Zwar nicht bloß irgendein Geschöpf wie du und ich. Sondern das erste und das beste Geschöpf Gottes, des Vaters. Immerhin. Arius sagte deshalb: Jesus ist Gott, dem Vater, nur wesensähnlich. Und Arius hatte eine Menge Anhänger. Es drohte die Spaltung der Kirche.
Die Bischöfe auf dem Konzil haben damals gesagt: wesensähnlich ist zu wenig. Wenn schon, dann wesensgleich. Jesus ist wesensgleich mit dem Vater. Nicht bloß wesensähnlich. Wenn schon, denn schon. Wesensgleich, griechisch „homo-ousios“, das war kein Begriff aus der Bibel. Sondern aus der Philosophie. Aber macht nichts. Die Spaltung wurde verhindert. Herausgekommen ist unser großes Glaubensbekenntnis. Das so genannte „nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“: „Credo in unum Deum.“ Das beten seither alle Christen, weltweit und ökumenisch. Darin heißt es über Jesus, den Sohn Gottes: „Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem Vater.“ Die Bischöfe damals waren sehr klug. Sie haben zwei Dinge miteinander verbunden: den Monotheismus (es gibt nur einen Gott) und die Menschwerdung dieses Gottes in Jesus. Ziemlich clever.
Was aber bedeutet das? Bedeutet uns das etwas? Ist das überhaupt relevant? Man könnte sagen: Das war doch bloß Politik. Kaiser Konstantin und so. Die Einheit des römischen Reiches. Konstantin, der sich erst auf dem Sterbebett hat taufen lassen. Und das ausgerechnet „arianisch“. Man könnte sagen: Das alles sind Fragen, die heute keiner mehr stellt. Besser formuliert: „Der Klärungsbedarf altkirchlicher Konzilstexte ist höher als ihr Erklärungspotenzial“ (Hans-Joachim Höhn). Was glauben Sie? Umfragen zufolge stimmen nur ein Drittel der Kirchenmitglieder der folgenden Aussage zu: „Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.“
Was glauben Sie? Was glaubst Du? Was glaube ich? Das ist hier die Frage. Die Frage ist: Wer ist Jesus Christus für mich? ... für uns? Ein Christentum ohne Christus ist sinnlos. (Tannenbaum, Sterne, Engel, Nikolaus, St. Martin, Kirche, Papst, Beten – ohne Christus alles sinnlos). Mein persönliches Credo lautet deshalb: „Ich glaube Jesus seinen Gott“. Das klingt zunächst so, als sei der Dativ wirklich dem Genetiv sein Tod. Ich meine aber Jesus im Dativ: Ich glaube ihm – Jesus – seinen Gott! Ohne diesen Jesus Christus würde ich nicht an Gott glauben. Er ist für mich das menschliche Angesicht Gottes.
Ich mute Ihnen das jetzt einmal zu. Eine theologische Reflexion über Jesus. Botho Strauß, ein deutscher Schriftsteller, sagt: „Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts.“ Es ist unwahrscheinlich, dass Gott Mensch wird. Weihnachten ist unwahrscheinlich! Dass Gott Mensch wird, das kann sich niemand ausdenken, das kann sich niemand wünschen, das ist ein absolutes Geschenk. Aber ohne dieses Geschenk gibt es – keine Erlösung! Denn Erlösung können wir nicht selber machen.
Was bedeutet das nun – Jesus ist Gottes Sohn? Wir könnten in zwei Straßengräben geraten: Einerseits lauert die Gefahr, aus Jesus einen Biedermann zu machen, ein bloßes Vorbild; einen Menschen, der freundlich und nett war. Andererseits besteht die Versuchung, Jesus ins Jenseits zu befördern, ihn nur noch als Gott zu sehen und nicht mehr als Mensch unter Menschen. Jesus als vorbildlicher Mensch, was wäre zu wenig. Jesus als Gott, das wäre zu viel. Wesensähnlich (wie bei Arius) wäre zu wenig. Genau passend ist: wesensgleich. Das ist ausgewogen: Gott UND Mensch.
Und es hat eine Bedeutung: Wenn Jesus als Gott wesenseins mit dem Vater ist, dann ist er auch als Mensch wesenseins mit uns. Jesus hat uns Gott gebracht. Gut 100 Jahre nach Nizäa, beim Konzil von Chalcedon (451), wurde gesagt: „Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, ungetrennt und unvermischt.“ Also nicht nur das eine oder das andere, sondern beides, aber eben kein Mischmasch. Als Gott bringt uns Jesus die Erlösung, denn niemand kann sich selbst erlösen, das kann man sich nur schenken lassen. Als Mensch zeigt uns Jesus, wie wir sind und wie wir sein könnten: Er weiß, wie es uns geht; er weiß, wie wir leben und lieben und leiden.
Anders gesagt, auf den Punkt gebracht:
Gott wird Mensch, damit der Mensch nicht Gott wird.
Gott wird Mensch, damit der Mensch sich nicht zu Gott macht.
Denn das ist die Gefahr: Wir wollen immer höher, schneller, weiter (das ist Kapitalismus, Wachstum um jeden Preis; das ist die neoliberale Leistungsgesellschaft, die sich selbst erlösen will). Wir machen uns selbst zu Gott, zum Herrn über Leben und Tod (das machen die Kriegstreiber und Weltzerstörer). Wir wollen sein wie Gott (wie unsere Diktatoren und Kleptokraten). Wir sehen einander nicht mit den Augen Gottes (wie die Rechtsradikalen und Nationalisten, die keine Menschenwürde kennen). Wir bauen weiter am Turm von Babel – und spalten damit die Welt. Wenn Gott nicht Mensch wird, gibt es keine Erlösung. Wenn aber Gott Mensch wird, müssen wir nicht Gott sein; wir können Mensch bleiben: einfach, schlicht, bodenständig.
Erlösung gibt es ohne Eigenleistung. Gratis! Umsonst! Weil Gott gekommen ist. Der heruntergekommene Gott. Bleiben wir also schön hier unten. Wir Erdenmenschen. Erde heißt lateinisch „humus“. „Humilitas“ ist die Demut. Ein bisschen mehr Demut stünde uns Erdenmenschen gut an.
Die Frage ist: Wie kann man „endlich“ Mensch sein? „Endlich“ im zweifachen Sinn – endlich, weil es dafür Zeit wird; endlich aber auch als Menschen, die tatsächlich endlich sind: sterblich! Wie können wir die Würde anderer achten – wo doch Gott uns würdig gemacht hat, einer von uns zu sein? Wie können wir die Schöpfung achten, wo doch Jesus Mittler zwischen Schöpfer und Geschöpf ist, wahrer Gott – und wahrer Mensch?
Nizäa – bloß politisch motiviert? Nein! Nizäa – nicht relevant? Doch! Unbedingt. Als in Nizäa das Konzil tagte, wurde in Rom das Weihnachtsfest erfunden.
Haben Sie von Margot Friedländer gehört? Eine Zeitzeugin, die im Mai dieses Jahres gestorben ist. Mit 103 Jahren. Eine KZ-Überlebende, die sich für Versöhnung eingesetzt hat.
Beeindruckend. Ein bekanntes Wort von ihr können Sie zurzeit auf Briefmarken lesen: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen, seid vernünftig.“ Diese Botschaft geht auch von Weihnachten aus. Von Nizäa. Von unserem Glaubensbekenntnis: „Seid Menschen!“ „Seid endlich Menschen!“