Samstag, 28. März 2020

Kleine Gebetsschule XII: Der Normalfall des Betens

Menschen überfordern sich, wenn sie meinen, das Gebet müsse ganz von innen her kommen; es müsse erfüllend sein, ein ganz besonderes Erlebnis. Wer so denkt, lässt es schnell wieder bleiben. Beten ist überhaupt keine Kunst, sondern eher ein Handwerk. Ich möchte gerade das Äußere schätzen lernen, und das bedeutet: Immer zur gleichen Zeit, am selben Ort und sogar mit immer gleichen Worten beten; nicht auf Erfüllung aus sein, sondern einfach durchhalten. Und wenn es nicht gelingen will, dann nehme man sich trotzdem die Zeit und tue weiter nichts. 

Ich habe mich immer schon gefragt, warum auch „moderne“ Menschen in alten Kirchen so schnell zur Ruhe kommen. In manchen Innenstadtkirchen treffe ich erstaunlich viele Menschen, die einfach nur da sind, vielleicht sogar beten. Warum? Weil die „Wände“ einfach so viel an Glauben, an Geschichte, an Erfahrung „atmen“, dass es von selbst anfängt, in einem zu beten. Man setzt sich einfach hinein, und schon betet es in einem. Weil Zeit und Ort „stimmig“ sind, findet auch das Herz ein Zuhause. 

Die äußere Ordnung des Betens trägt – wie in jeder Beziehung. Diese äußere Ordnung ist der Normal- und Ernstfall des Betens, der den Glauben lebendig hält und den Alltag vor Banalität bewahrt. Demgegenüber ist das Stoßgebet, jedenfalls als einzige und isolierte Gebetserfahrung, problematisch, weil es Gott meistens für Alltagsprobleme missbraucht.

Es gibt einige Regeln, wie man von außen nach innen beten kann:

  1. Fange klein und bescheiden an: keine allzu großen Vorsätze.
  2. Unser Gebet braucht eine feste Zeit und einen festen Ort.
  3. Treue ist wichtiger als Erfüllung – nur nach Lust und Laune geht es nicht. 
  4. Beten kann langweilig sein, weil es mit lernen zu tun hat; was man noch nicht kann, fällt schwer, und wenn man es dann kann, fällt es leicht. 
  5. Eine feste Form entlastet. Gesten, Formeln und kurze Sätze soll man auswendig können. 
  6. Wenn man nicht beten kann, soll man es bleiben lassen. Weil aber das Gebet verletzlich ist und jeder anderen Beschäftigung schnell geopfert wird, soll man den Raum und Zeit dafür frei lassen – und einfach weiter nichts tun. 

Beten ist keine Kunst, sondern eher ein Handwerk.
Die äußere Form, die regelmäßige Übung geben meinem Glauben ein Dach über dem Kopf. 

Dass diese äußere Form, die Ordnung des Betens auch mit Gewohnheit zu tun hat, ist überhaupt kein Problem. Wichtig ist immer die Freiheit, denn ohne Freiheit ist keine Beziehung möglich. Die Ordnung trägt, auch wenn sie zur Gewohnheit geworden ist: Ich „wohne“ dann in Gottes Gegenwart, bis ich „heimisch“ bin in Seinem Geheimnis. Gewohnheit ist alles andere als gewöhnlich oder nur äußerlich. So wie ein Gebirge die Summe von Bergen ist, so ist eine Gewohnheit die größtmögliche Gesamtheit von Wohnen und ein Geheimnis die weiteste Vorstellung von heimisch sein und Heimat haben. Je mehr ich mir das Beten zur Gewohnheit mache, desto mehr bin ich im Geheimnis Gottes zu Hause.

Erst wenn die Ordnung zwanghaft ist, wird sie abstoßend. Verliebte küssen sich hoffentlich gewohnheitsmäßig, aber niemals zwanghaft; zum Küssen gezwungen zu werden könnte ziemlich widerlich sein. Wenn die Beziehung stimmt und die Freiheit steht, sind Gewohnheit und Ordnung eine große Entlastung. Nur was ich immer wieder in Freiheit tue, prägt mich von Herzen, durch und durch. Zum Glauben und Beten darf niemand gezwungen, aber es kann zur guten Gewohnheit werden.

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Donnerstag, 26. März 2020

Kleine Gebetsschule XI: Beziehung im Heiligen Geist

Es gibt im Neuen Testament einige Gebetsschulen (vgl. Matthäus 6,5-15; 7,7-11; Lukas 11,1-4). Jesus fordert seine Jünger auf, zu beten in Seinem Namen, Gott jede Bitte offen und vertrauensvoll zu sagen (vgl. Matthäus 18,19; Johannes 14,13-14; 15,7.16.24) und dabei gewiss zu sein, dass Gott hört und erhört um Jesu und der Gemeinschaft der Jünger willen.

Sogar das schier Unmögliche scheint möglich zu werden: Mit dem Glauben Berge zu versetzen (vgl. Markus 11,12-25; Matthäus 21,18-22): Der „Berg“ steht dabei (wie der Feigenbaum) für den Tempelkult, der eben nichts mehr bringt, weil Jesus selbst der der einzige und wahre Zugang zum Vater ist. Mit dem „Berg“, den der Glaube versetzen kann, ist dann der Tempelberg in Jerusalem gemeint, den der Glaube ins Meer stürzt; es ist ja der „Berg der Religion“, der durch Christus längst überwunden ist. Hier geht es also nicht um die Zauberkraft, Berge zu versetzen, sondern um die Einladung zu glauben! Jesus hält seinen Vater nicht für einen wundertätigen Wünscheerfüller, den man benutzen kann, sondern für einen Gott, dem man vertrauen darf; ein Gott, der nicht bloß Bitten erfüllt, sondern erfüllende Beziehung schenkt.

Es ist wie mit einem Kind, das zu Weihnachten einen langen Wunschzettel schreibt. All die vielen Wünsche sind detailgetreu aufgelistet. Die Eltern lesen den Zettel, aber weil sie sehr arm sind, sagen sie zu ihrem Kind: „Du weißt, dass wir dir deine Wünsche nicht erfüllen können. Aber wir sind doch immer bei dir und haben dich lieb. Ist das nicht viel mehr?“ Und das Kind antwortet voller Einsicht und Freude: „Ja!“

Der lange Wunschzettel ist ein Zeichen kindlichen Vertrauens. Doch das, was die Eltern geben können, ist viel mehr: Beziehung und Liebe. Gott hört alle unsere Wünsche gern, sie sind ein Zeichen kindlichen Vertrauens. Es wäre jedoch grausam, wenn Gott auf alle menschlichen Wünsche, die ihm je entgegen gebracht werden, mit genauer Erfüllung reagieren würde. Dann wäre Er nur ein Automat und die Menschheit bald am Ende. Nein, Gott antwortet mit einer viel größeren Gabe: mit Liebe, Beziehung, mit Seinem Heiligen Geist.

Einen guten Freund um etwas zu bitten ist immer ein Zeichen von Beziehung. Die Freundschaft muss sehr tiefgehend sein, denn im Bitten mache ich mich vor ihm bedürftig und klein. Gott um etwas bitten bedeutet letztlich immer, Beziehung zu wünschen; bedeutet vor allem: Bitten um den Heiligen Geist, die Nähe Gottes in Person, Seine begeisternde und lebendig machende Kraft, Seine schöpferisch-österliche Gegenwart in dieser Welt.

Gott ist ein Jemand, ein personales Du. Sein Sohn wird in Jesus Christus Mensch, lebt als Mensch unter uns und eröffnet durch sein Sterben und Auferstehen den Weg zu Gott zurück. Der Heilige Geist ist die noch radikalere Nähe Gottes, ist geschenkte Beziehung: Gott wird nicht nur Mensch, er wohnt im Herzen eines jeden. „Gott ist mir näher als ich mir selber bin“ (Meister Eckart). Wenn ich also im Namen Jesu bete, dann geschieht mein Gebet bereits „in“ Gott: Er wohnt ja in mir, Sein Mensch gewordener Sohn steht mir zur Seite und vermittelt mein Gebet, Gott-Vater hört mich, weil Er sich ja immer auch selbst hört in Seinem Sohn, in Seinem Geist.

Und noch mehr: Nicht nur, dass mein Beten „in“ Gott geschieht, Gott betet auch „in“ mir!  Paulus schreibt: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Römer 8,26). In dieses Wort berge ich all mein Beten, weil es mir zeigt: Schon mein Glaubenwollen, mein Vertrauenwollen, mein Sein vor Gott sind Gebet, weil Gottes Heiliger Geist in mir lebt und für mich spricht.    

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Kleine Gebetsschule X: Beten im Namen Jesu

Gott hat Seinen Sohn gesandt, Jesus Messias, den Bruder der Menschen. In Seiner Auferstehung hat Gott Ihn erhöht zum Herrn über Himmel und Erde. So ist Jesus Bruder und Herr zugleich. Christen beten deshalb durch Christus und mit Ihm und in Ihm zum Vater.
Christen beten durch Ihn, weil Christus unsere Gebete mitnimmt zum Vater. Sie beten mit Ihm, weil Er ihnen zur Seite steht, mitbetet mit ihnen; Er macht ihre Not zur Sorge Gottes. Sie beten in Ihm, weil sie als Sein Leib und Seine Kirche, in Seiner Gestalt, zusammengefügt in Seinem Geist vor dem Vater stehen.

Christliches Beten geschieht in Gott, weil Jesus Christus der Mittler ist und weil die Gemeinde im Heiligen Geist versammelt ist. Wegen dieser unmittelbaren Verbundenheit durch, mit und in Christus sind sich Christen bewusst, dass Gott, der Vater, ihre Gebete hört; wie könnte Er auch an Seinen Kindern, an den Geschwistern Seines Sohnes vorbeisehen, ihre Anliegen und Bitten überhören? So bete ich im Vertrauen. Immer jedoch gilt: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lukas 22,42).


GEBET ZUM VATER

Vater im Himmel,
durch unseren Herrn Jesus Christus,
mit Ihm und in Ihm beten wir,
hören wir Dich und sprechen zu Dir.

Ihm glauben wir Dich, Seinen Vater.
Er macht unsere Not zu Deiner Sorge,
hört, was wir beten, stellt sich vor uns,
spricht mit, was wir sagen.
Er ist neben uns, in uns,
und deshalb beten wir durch Ihn.

Er ist Dein Geschenk für uns,
unser Weg zu Dir,
Mittler der Befreiung,
Ende aller Angst,
Anfang des Glaubens.

Menschen sind wir wie Er,
tragen als Christen Seinen Namen,
sehen die Welt mit Seinen Augen,
lieben die Menschen mit Seiner Zuwendung,
sprechen zu Dir mit Seinen Worten,
nennen Dich Vater um Seinetwillen,
feiern Dich mit Seinen Zeichen,
bitten mit Ihm, dass Dein Wille geschieht
und vertrauen Dir ganz mit Seinem Glauben.

Und Du, Vater, nimmst uns an wie Christus.
Und wir, Vater, dürfen uns sehen, wie Du uns in Christus siehst.
Unfassbar ist dieses Geheimnis.
So danken wir Dir und beten Dich an.


Bis morgen!
Stefan Jürgens

Mittwoch, 25. März 2020

Kleine Gebetsschule IX: Wie Jesus betet

Ich glaube Jesus seinen Gott. Das klingt wie falsches Deutsch, so als sei der Dativ wirklich dem Genitiv sein Tod. Ich meine es aber anders. Ich glaube ihm, Jesus, seinen Gott! Ich glaube, dass Gott so ist, wie Jesus Ihn zeigt. Und wenn das Gebet der erste Ausdruck des Glaubens ist und wenn Jesus derjenige ist, der einen befreiten Glauben erst möglich gemacht hat – ohne diese "naturreligiöse" Angst –, dann kann ich am Beten Jesu lernen, wie Beten geht.

Auch Jesus musste glauben lernen. Er ging durch die Schule seiner jüdischen Tradition. Darin fand er einen reichen Schatz an Gebeten, an Weisheit, an guten Gedanken von Gott. In einem jedoch ging er in seiner Gotteserfahrung über das Gelernte hinaus: In der unmittelbaren Beziehung zu Seinem Gott, den er von jetzt an Vater nennt, ja noch mehr: Abba, lieber Vater, oder besser übersetzt: Papa (vgl. Markus 14,36; Römer 8,15; Galater 4,6). Eine enge, faszinierende, intime Beziehung zu Gott, gelebt mit einer großen inneren Freiheit. In dieser freien geschenkten Gottesbeziehung leben auch wir – als Kinder Gottes, als Schwestern und Brüder Jesu Christi.

Was es bedeutet, Kind zu sein, mache ich mir manchmal so bewusst: Eltern wissen von ihrem neugeborenen Kind nur wenig. Sie wissen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist, ob es gesund ist oder nicht. Sie wissen, dass es ab und zu die Windeln voll macht und regelmäßig Hunger hat. Und dass es irgendwann, nach einem hoffentlich erfüllten Leben, sterben wird. Ziemlich wenig wissen die Eltern von ihrem Kind, und doch lieben sie es über alles. Kindsein bedeutet: Geliebt sein um meiner selbst Willen, angenommen sein, weil es mich gibt – ohne Bedingung und ohne Vorleistung. Kind Gottes sein bedeutet eben dieses: Geliebt sein um seiner selbst Willen, angenommen sein, weil es mich gibt – ohne Bedingung und ohne Vorleistung. Gott liebt mich über alles. Er liebt mich weit mehr als Eltern das können: Er gibt sich selbst, Sein Leben, er gibt Seinen Sohn für mich. Wie sollte ich da nicht glücklich, angstfrei, in aller Freiheit, engagiert und selbstvergessen leben?

Der Apostel Paulus spricht vom Kindsein im Bild vom Erbe. Ein Erbe bekommt alles umsonst geschenkt, wenn er ein Verwandter ersten Grades ist. Er muss nichts dafür tun, es gehört ihm alles schon, einfach weil er Kind ist. „Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir mit Ihm leiden, um mit Ihm auch verherrlicht zu werden“ (Römer 8,17). Ich bin und bleibe Kind Gottes, Erbe Gottes mit Christus; ich habe beim Vater dieselbe „Stellung“ wie Sein Sohn Jesus Christus – in aller Konsequenz. Deshalb bete ich als Christ immer im Namen Jesu.

Jesus selbst zieht sich immer wieder zurück, wenn Er betet, oft nächtelang. Er betet und lehrt Seine Jünger das Beten. Er betet still und frei, kennt aber auch den Gebetsschatz Seines Volkes. Noch am Kreuz betet Er Psalm 22, um sich in schwerstem Leid mit bekannten Worten Seinem Vater anzuvertrauen: Beten ist Vertrauensarbeit auch für Ihn.

Einmalig ist dabei Seine unverwechselbare, geradezu intime Beziehung zu Seinem Abba-Vater. Und Seine Solidarität mit Seinen Jüngern. Zwar ist das so genannte Abschiedsgebet des Herrn (das „Hohepriesterliche Gebet“ Johannes 17) eine theologische Komposition, aber die Haltung, mit der hier Jesus für seine Jünger zum Vater betet, spricht für sich – und für Ihn.

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Dienstag, 24. März 2020

Kleine Gebetsschule VIII: Den Himmel bestürmen?

Worum können wir bitten? Papst Franziskus hat dazu aufgerufen, am Mittwoch um 12 Uhr ein Vaterunser zu beten. Wegen Corona. In den „Tagen der Prüfung“ sollen wir „unsere Stimmen zum Himmel vereinen“, so der Papst. Und am Freitag gibt es „Urbi et Orbi“ mit vollkommenem Ablass. Das volle katholische Programm, um den Himmel zu bestürmen? Auf jeden Fall ist es eine Möglichkeit, im Glauben Solidarität zu zeigen.

Denn das Bittgebet ist das einfachste und zugleich schwierigste Gebet. Es ist einfach, weil ich genau weiß, was mir fehlt. Es ist schwierig, weil ich Gott nicht zum Lückenbüßer, zum Erfüllungsgehilfen meiner privaten Interessen machen darf. Im antiken Theater gab es einen, der hatte „Gott“ zu spielen, wenn eine Situation unlösbar schien; dieser „Gott“ kam überraschend und ohne unmittelbaren Zusammenhang mit der Handlung aus der Kulisse hervor, sagte ein Wort oder machte ein Zeichen und verschwand dann wieder. Von daher nannte man ihn den „deus ex machina“ – einen „Gott aus der (Theater)Maschine“. Viele Menschen machen auch aus dem Gott Jesu Christi einen solchen „deus ex machina“, und zwar immer dann, wenn er nur helfen, aber nichts ändern soll; wenn er vorübergehend eingreifen und Wünsche erfüllen, aber zum eigentlichen Leben nichts beitragen darf; wenn man ihn beziehungslos, wie eine Maschine benutzt, ohne ihn zu lieben. Ein solcher „Gott“ ist gefährlich harmlos!

Kennzeichnend für einen „modernen“ und „aufgeklärten“ Glauben ist ja der Perspektivwechsel, den Karl Rahner „anthropologische Wende“ nennt: Jede Aussage über Gott ist zunächst eine Aussage von und damit über Menschen. Unsere Rede von Gott ist analog, bildlich in menschlichen Vorstellungen, abhängig von Erfahrungen mit Ihm und miteinander. Wenn ich in diesem „modernen“ Sinn über das Bittgebet nachdenke, so ist die entscheidende Frage nicht: „Was bewirkt mein Gebet bei Gott?“, sondern: „Was bewirkt es bei mir?“ Gebete verändern nicht die Welt, aber sie verändern die Menschen, und Menschen verändern die Welt.

Worum also darf ich bitten? Um einen Lottogewinn? Um eine siegreiche Schlacht oder einen Karrieresprung? Um Regen, Blitzschutz? Um das Bestehen einer Prüfung? Viele bitten um Gesundheit und langes Leben. Wie steht es mit der Solidarität? Unlauter ist jedes Gebet auf Kosten anderer, menschlich sehr verständlich ist jedoch der Hilfeschrei aus tiefer Not. Auf jeden Fall gilt: „Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine“ (vgl. Lukas 22,42). Bitten darf ich um das, was ich jedem wünsche (Brot, Frieden) und um das, was ich selbst zu geben bereit bin (Vergebung), um die richtige innere Haltung („Mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens“) sowie um das, was nur Gott allein geben kann (ewiges Leben).

Wenn ich die Frage stelle, ob man Gott eigentlich alles sagen darf, so antworten die meisten Menschen: ja. Ich bin da anderer Meinung. Überall da, wo man Gott nur benutzt, wo er zum Glücksautomaten „ex machina“ wird, wo das Gebet zur magischen Beschwörung, zum Ersatz eigenverantwortlichen Handelns verkommt oder göttliches Benehmen vorschreibt, da wird der Name Gottes missbraucht.


BETEN UND BITTEN


Gott lässt bitten – 
und wir sind gekommen!

Meistens kommen wir mit einer großen Portion Bitte
und einer kleinen Prise Dank.
Beten ist meistens Bitten, schon etymologisch.
Der unaufgeklärte Mensch bittet, wenn er betet.

Was macht Gott mit unseren Bitten?
Er macht uns dankbar.
Im Bitten spüren wir, dass wir die Empfänger sind – und nicht die Macher.

Bitten ist nicht Information Gottes.
Bitten hält uns selbst in Form.
Wir erkennen, dass alles Gute von Gott kommt.

Darum sollen wir bitten: 
dass Gottes Verheißungen in Erfüllung gehen 
und Sein Wille geschieht.

Wenn wir das tun,
werden wir dankbar – und am Ende wunschlos glücklich.

In einer reifen Gottesbeziehung wird aus Bitten Beten.
Und wenn Gottes Verheißungen im Blick sind, 
wird das Beten zum Lobpreis, zum Gebet.


Bis morgen!
Stefan Jürgens

Montag, 23. März 2020

Kleine Gebetsschule VII: Nicht religiös, sondern gläubig

Als Christin und als Christ zu beten heißt:
Mit beiden Beinen auf dem Boden stehen
und mit ganzem Herzen bei Gott sein.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Religion und Glaube:
Der religiöse Mensch will seinem Gott etwas geben, damit er etwas zurückbekommt.
Der gläubige Christ vertraut darauf, dass ihm mit Christus bereits alles geschenkt ist.
Der eine will etwas haben von Gott, der andere will jemand sein vor Ihm.

Der religiöse Mensch will Segen und Glück, Gesundheit und langes Leben.
Dafür ist ihm kein Ritual zu lang und kein Opfer zu viel.
Er will seinen Gott gebrauchen, seine Religion soll nützlich sein.
Der gläubige Christ weiß, dass er von Gott gesegnet ist;
Gesundheit, Glück und Leben kommen aus Seiner Hand.
Deshalb dankt er zuerst für Gottes Liebe und fragt nach Seinem Willen.
Er vertraut dem Vater Jesu Christi, sein Glaube ist eine Haltung.

Als Kinder bitten wir um ein Wunder.
Als Erwachsene arbeiten wir mit am Aufbau des Reiches Gottes.
Nicht kindisch, sondern kindlich vertrauen die Christen. 
Ihre Hoffnung aber ist erwachsen.

Not lehrt beten, sagt der Volksmund. Aber das stimmt nicht.
Not lehrt nicht beten, sondern allerhöchstens betteln.
Wenn man gar nicht mehr weiter weiß,
dann bettelt man beim Allerhöchsten.

Ein reifer Glaube ist das nicht. Es ist vielleicht ein Anfang.
Es ist Religion: unerwachsen, kindisch, auf Nützlichkeit bedacht.
Ein reifer Glaube will nicht, dass Gott die Naturgesetze aufhebt
oder wunderbar ins Weltgeschehen eingreift.
Ein reifer Glaube hilft, das Leben zu bestehen, hier und jetzt in dieser Welt.
Gebet bedeutet dann Beziehung, Lebenssinn, Solidarität.

Ein Kind bittet: „Lieber Gott, mach, dass es morgen nicht regnet.“
Ein Erwachsener betet: „Lebendiger Gott, gib uns Kraft für einen guten Tag.“
Ein Kind bittet: „Lieber Gott, bring uns sicher nach Hause.“
Ein Erwachsener betet: „Heiliger Gott, begleite uns mit dem Geist der Aufmerksamkeit.“
Ein religiöser Mensch fragt: „Warum hast Du das nur zugelassen, Gott?“
Ein gläubiger Christ vertraut: „Mit Dir werde ich mein Leben bestehen, komme, was kommt.“

Als Kinder beten wir zum „lieben Gott“.
Als Erwachsene merken wir, dass uns Gott in dieses Leben stellt.
Als Christen vertrauen wir so, als ob alles von Gott abhinge.
Aber wir handeln so, als ob alles von uns selbst abhinge.

Die Entscheidung für Christus ist uns wichtiger als das religiöse Gefühl.
Wir wollen nicht nur fromm tun, ab und zu,
sondern Christen werden, immer neu.

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Sonntag, 22. März 2020

Kleine Gebetsschule VI: Glauben ist Empfangen

 
Der religiöse Mensch
sucht unablässig das Göttliche
und findet doch nur
eine Projektion menschlicher Wünsche.

Der gläubige Christ
lässt sich von Gott finden
und begegnet in Christus
Seinem menschennahen Vater.

Der Religiöse redet unablässig
und handelt ängstlich mit „Gott“,
der Gläubige hört den Vater Jesu sprechen
und handelt in Seinem Namen.

Der eine opfert, der andere gibt sich hin.
Der eine strengt sich an, der andere liebt.
Der eine ist ein Sklave, der andere ist frei.
Die Liebe tut stets das Größere.


Im Christentum gibt es dennoch viele, die sind eher religiös als gläubig. Sie meinen, Gott gnädig stimmen zu müssen durch fromme Pflichterfüllung. Immer haben sie ein schlechtes Gewissen, bleiben ständig ungenügend, können Gnade und Vergebung nicht annehmen und bleiben zeitlebens ängstlich um ihr Leben besorgt. Immerzu hadern sie mit ihrem Schicksal und vermuten dahinter eine prüfende oder sogar strafende Macht. Sie glauben an ein allmächtiges Wesen, an einen Naturgott, der sich mit den Mächtigen arrangiert, nicht aber an den Gott Jesu Christi, der seine Allmacht in Güte und Liebe, ja in der Ohnmacht des Kreuzes offenbart. Die eigene Nationalität, die eigene Familie und das eigene Glück sind für sie eher Gegenstand religiösen Handelns als die universale Nächstenliebe des Glaubens. Ihre natürliche Religion ist wie eine Ideologie auf ihr Leben gesetzt, ohne es wirklich durch und durch menschlich zu prägen. Ständig fragen sie: „Was habe ich davon, was kriege ich dafür?“, weil ihre Religion wenig mit liebender Beziehung zu tun hat, sondern sich direkt bezahlt machen muss. Wenn’s besonders ernst, gefühlvoll oder feierlich zugehen soll, dann sondern sie Frömmigkeit ab wie ein stinkendes Sekret, das gar nicht zum Leben gehört. Wenn sie ein geistliches Amt haben, pochen sie auf ihre Andersartigkeit und Vollmacht und gebärden sich damit eher wie naturreligiöse Schamanen, magische Zauberer und autoritäre Chefs, nicht aber wie Repräsentanten (Darsteller) Christi und der kirchlichen Gemeinschaft: Klerikalismus ist Schamanismus.

Religion ist ein natürliches Bedürfnis, denn jeder Mensch sehnt sich nach Transzendenz. Glaube jedoch ist übernatürliche Offenbarung – dass Gottes Sohn Mensch wird und uns durch Tod und Auferstehung erlöst, kann sich niemand ausdenken, danach kann sich niemand sehnen, es ist und bleibt das absolut unwahrscheinliche Geschenk. Die der Religion ständig innewohnende Angst, nicht zu genügen, ist in Christus überwunden, Er allein ist der Weg zu Gott. Zwar muss ich religiös sein, um gläubig werden zu können: Auf meine natürliche Sehnsucht nach Gott antwortet Er mit Seinem Sohn, damit ich mit meinem Leben antworten kann auf Ihn. Diese natürliche Sehnsucht ist ja auch schon ein Geschenk des schöpferischen Gottes („übernatürliches Existential“, Karl Rahner). Aber ich darf nicht in der Religion stecken bleiben, wenn ich die Liebe begreifen will, die mir geschenkt ist; meine „natürliche“ Sehnsucht möchte in Christus „kultiviert“ werden, ein Ziel und eine Erlösung finden. Mit einem Wort: Mein Glaube muss aus den Kinderschuhen des Religiösen heraus wachsen, hinein in eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus. Sonst lerne ich das Beten nie.

Der Abbruch der volkskirchlichen Tradition mit ihrer Unterschiedslosigkeit von anständigen Bürgern und braven Christen, mit ihren erzieherischen Gottesbildern und ihrer behaglichen Christentümlichkeit hat sicherlich auch damit zu tun, dass diese Volkskirche, obwohl gesellschaftlich sehr erfolgreich und mit großer Breitenwirkung, außer in ihren mystisch-spirituellen Eliten über eine nützlich-magische Leistungs- und Naturreligion zu allermeist nicht hinausgekommen ist. Der Abbruch fragloser traditioneller Folklore kann Aufbruch bedeuten, Chance für einen Glauben ganz von Christus her: religionsloses statt religiöses Christentum. Nach der institutionell-kirchlichen Breitenwirkung ist jetzt wohl die existentiell-christliche Tiefendimension dran, die Neuentdeckung Jesu Christi für Glaube, Gebet und Kirche.

Das kommt in einer biblischen Geschichte gut zum Ausdruck. Ich nenne sie gerne „das Evangelium vom pastoralen Realismus Jesu“, weil die Relation „neun zu eins“ im Verhältnis von Religion und Glaube, von Pflicht und Liebe, von alter Angst und neuer Freiheit ziemlich realistisch ist:

Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.
Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein.
Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien.
Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen (Lukas 17,11-19).

Diese Geschichte wird oft moralisch gedeutet: Neun sind böse und undankbar, nur einer ist so anständig und dankt Jesus. Dabei wird vergessen, dass ja alle zehn gesund geworden sind, keiner wird wieder krank. Sie haben also alle eine gute Erfahrung gemacht. Der Unterschied ist vielmehr: Die neun sind religiös – sie tun ihre Pflicht, erfüllen die gegebenen Vorschriften, zeigen sich den Priestern, bekommen, was sie wollen und sind verschwunden. Der eine wird gläubig – als Geheilter kehrt er sofort um, dankt Jesus und nimmt eine Beziehung zu Ihm an und auf. Die Liebe ist ihm wichtiger als die religiöse Pflicht. Die neun sind gesund, der eine ist heil geworden. 

Bis morgen!
Stefan Jürgens