Dienstag, 5. Januar 2021

Die Synodale Sackgasse

„Es soll etwas geschehen, aber es darf nichts passieren“, lautet das geheime Motto des Synodalen Wegs. Dieser Weg wird wohl wie alle Diözesanforen und Dialogprozesse in einer römischen Sackgasse enden: „Schön, dass wir drüber gesprochen haben, wir hatten eine geistliche Atmosphäre“ – und wie die Floskeln nach dem Scheitern eines solchen Prozesses auch immer heißen mögen. Man will, gut ignatianisch, die Meinung des anderen retten, aber man tut dies meistens so lange, bis man selbst keine Meinung mehr hat. Es geht am Ende um nichts, es bleibt alles beim Alten, den Rest erledigt Rom. So bleiben alle Foren und Synoden aufwendige Sedativa, die nur dazu dienen, aufmüpfige Christinnen und Christen für eine gewisse Zeit ruhigzustellen. 

 

Der Anlass zum Synodalen Weg war die so genannte MHG-Studie. Diese hatte offenbart, dass beim sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche nicht nur persönliche Schuld, sondern systemische Ursachen eine Rolle spielen, allen voran die klerikalen Machtstrukturen. Was nicht ausdrücklich genannt wird, aber jedem Insider bekannt ist: Der Kindesmissbrauch gehört zu den Kollateralschäden der Frauenfeindlichkeit und des daraus resultierenden Pflichtzölibats, denn dieser führt individuell zu Verdrängung und strukturell zu fromm getarnten Seilschaften; er macht das klerikale System für unreife Persönlichkeiten geradezu attraktiv. 


Der Wirbel um den Kölner Kardinal, um das nicht veröffentliche Gutachten, den Maulkorb für die Studierendengemeinde und die Vertuschungsvorwürfe zeigt einmal mehr, dass auf mancher Kathedra hochgradig unreife Personen sitzen, die nur durch Anpassung in hohe Leitungsämter gekommen sind. Sie tun nach oben gehorsam, regieren nach unten autoritär und wirken dabei selbstgerecht und versponnen. Dass gerade sie jede Synodalität ausbremsen, dient allein ihrem Machterhalt. Ihre Freunde in Rom werden schon dafür sorgen, dass jeder Reformversuch scheitern wird. 

 

Zur gebotenen Entsakralisierung des Weiheamtes gehört auch, dass ein Bischof zurücktreten muss, wenn das Vertrauen in ihn zerstört ist. Ansonsten haben wir bald zu viele Hirten, die nur sich selber weiden (Ezechiel 34,2) und denen die Herde davonläuft.


Der Artikel ist am 5. Januar 2021 als Gastkommentar in "Kirche+Leben" erschienen.

Montag, 4. Januar 2021

Weihnachten im Lockdown

Mit Weihnachtsromantik konnte ich noch nie etwas anfangen, und das hat seinen Grund. Die biblischen Erzählungen über die Kindheit Jesu sind theologische Legenden, sie konstruieren den Anfang seines Lebensweges aus der Perspektive von Ostern und verwenden dabei Motive aus dem Alten Testament. Wahr daran ist: Jesus kommt von Gott! Christen aber warten gar nicht aufs Christkind, sondern sie erwarten Christus, der sie herausfordert zur Nachfolge. Es ist bedauerlich, dass Christen die Legenden so ausgiebig feiern, während sie die Bergpredigt ignorieren. 

 

Dennoch konnte ich die Weihnachtsromantik stets akzeptieren. Sie ist immerhin Ausdruck der Sehnsucht nach einer heilen Welt. Mag sie psychologisch eine kollektive Regression sein, die nach dem Kindchenschema funktioniert, so hat sie doch eine große Bedeutung für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Auch religiös unmusikalische Menschen fühlen sich angerührt und können einige Rituale mitmachen. Das Ganze ist furchtbar nett, aber erschreckend folgenlos, Tradition minus Inhalt gleich Folklore. Solange es ums Christkind geht und nicht um Christus, fehlt dem Christentum die prophetische Kraft, das Potential zum Aufrütteln und Infragestellen.

 

In diesem Jahr war alles anders. Eine große Zahl von Extra-Gottesdiensten musste kurzerhand wieder abgesagt werden. Die hohen Infektionszahlen ließen keine Veranstaltungen zu, bei denen die Abstands- und Hygieneregeln nicht mit letzter Sicherheit einzuhalten waren. Die evangelische Kirche hatte frühzeitig alles storniert, die katholische Nachbargemeinde zog kurzerhand nach. In meinen beiden Pfarreien blieben nur die Gottesdienste übrig, zu denen man sich langfristig anmelden musste. Dafür gab es eine ganze Menge von digitalen Angeboten, vom täglichen Adventskalender bis zu live gestreamten Gottesdiensten im Stundentakt. Die Kirche war präsent, wenn auch nicht als Gemeinde, sondern als Event.

 

Der Andrang bei den verbliebenen Präsenzgottesdiensten war überschaubar. Viele, die sich angemeldet und einen der wenigen Plätze ergattert hatten, blieben aus Angst vor Ansteckung weg. Und wohl auch aus vorauseilendem Kummer über das Gesangsverbot und die dadurch abgekühlten Weihnachtsgefühle. Die alternativen Angebote wurden jedoch gut angenommen, von der online bereitgestellten Hausandacht bis zum Video-Gottesdienst. Ganz ehrlich: Mir hat nichts gefehlt. Vielleicht, weil ich kein Romantiker bin, vielleicht, weil ich Theologe bin, nicht magisch, sondern aufgeklärt. Konkrete Menschen haben mir gefehlt, nicht aber der überfüllte Kirchenraum wie in den Jahren zuvor. Schmerzhaft war das Fernbleiben von vormals engagierten Christen, die sich 2020 enttäuscht von der Kirche abgewandt haben.

 

Im Dunkeln lässt sich heller träumen, erst die Sehnsucht macht die Dinge klar. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es nur die Sehnsucht nach Normalität ist, nach der regressiven Folklore, oder die Sehnsucht nach einer heilen Welt, in der Gerechtigkeit und Frieden einander die Hand reichen. Das Christentum ist kein Beruhigungsmittel und keine Bühne für frommen Zauber, sondern eine Herausforderung. Gott geht weder auf Abstand noch in den Lockdown. Er ist da, ganz nah, menschlich und auf Augenhöhe.

 

Dieser Artikel ist am 31.12.2020 in der ZEIT-Beilage "Christ und Welt" erschienen.

Dienstag, 10. November 2020

Gedanken zum Volkstrauertag 2020

Am Volkstrauertag erinnern wir uns an die Geschichte, vor allem an die dunklen Kapitel unserer deutschen Geschichte. Schade, dass wir uns in diesem Jahr zur Erinnerung nicht treffen können wegen der Corona-Pandemie. Aber die Erinnerung selbst kann uns jederzeit ins Herz treffen.

 

Vor 81 Jahren begann der Zweite Weltkrieg und brachte unsägliches Leid über Millionen von Menschen. Vor 71 Jahren wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet: Ein Meilenstein demokratischen Bewusstseins. Vor 31 Jahren fiel die Mauer, die Deutschland in zwei Teile und Europa, ja die ganze Welt in zwei Systeme teilte. 

 

Vor 81 Jahren wurde versucht, die Geschichte Europas, die wesentlich auch die Geschichte des christlichen Glaubens ist, durch eine menschenverachtende Ideologie zu ersetzen. Vor 71 Jahren wurde ein Grundgesetz verabschiedet, dessen geistige Väter und Mütter sich dem christlichen Glauben verpflichtet fühlten. Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges hatte sie gelehrt, dass ein Neuanfang ein stabiles geistiges Fundament braucht. „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantierten kann“, lautet der von Wolfgang Böckenförde formulierte Grundsatz. Die Präambel des Grundgesetztes beginnt mit den Worten: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Vor 31 Jahren fiel die Mauer. Der anhaltende friedliche Protest, die Friedensgebete in den großen Kirchen, der Mut vieler Christinnen und Christen hatte einen ganzen ideologischen Apparat ins Wanken gebracht.

 

Und heute? Mir scheint, dass wir wieder sehr geschichtslos leben; ohne Sinn für den Sinn der Vergangenheit, für ihre Bewältigung auf Zukunft hin. Eine Gesellschaft, die sich an nichts erinnern mag. Wie sonst könnte es sein, dass Populisten an Macht und Einfluss gewinnen? Leute, die aus der Geschichte nichts lernen wollen, ja die sie geradezu ignorieren? In vielen Ländern wird die lang erkämpfte Demokratie über den Haufen geworfen, zu Gunsten von Diktatoren. Gott sei Dank ist das in den Vereinigten Staaten vorerst beendet. Doch wie sieht es aus in anderen vormals demokratischen Staaten? 

 

Vielleicht haben wir uns zu sehr an die Freiheit gewöhnt. Die demokratische Grundordnung ist zum Alltag geworden. Und die Menschenwürde ist häufig viel zu weit weg. Wir halten uns die Probleme vom Leib und machen die Grenzen einfach dicht. Daran ist ganz Europa mitschuldig geworden. Haben wir uns etwa an die Freiheit gewöhnt, weil wir so geschichtslos geworden sind? Wenn man nicht mehr weiß, was die Freiheit kostet, dann weiß man sie auch nicht zu schätzen und nicht zu schützen. Corona-Leugner zum Beispiel schätzen die geschenkte Freiheit gering, stattdessen nehmen sie sich die Freiheit heraus, sich über die Gesundheit anderer Menschen zu stellen und kruden Verschwörungsmythen auf den Leim zu gehen.

 

Der heutige Volkstrauertag darf uns eine Hilfe sein, die Erinnerung nicht aufzugeben. Die größte politische Sünde ist das Vergessen. Wenn wir vergessen und verdrängen, dann werden wir aus der Geschichte nichts lernen. Wenn wir der Opfer der Kriege gedenken, dann dürfen wir nicht vergessen, dass es nicht Vaterlandsliebe war, sondern Unfreiheit, die sie zu Tode gebracht hat; nicht Heldenmut, sondern Unmenschlichkeit. Niemand ist für irgendein Vaterland gestorben, vielmehr sind alle von Diktatoren ermordet worden, und zwar völlig sinnlos! Das dürfen wir nicht vergessen.

 

Mit Menschen, die sich nicht erinnern, die keine Meinung haben, kein Profil; mit Menschen, die allzu leicht vergessen, was die Freiheit kostet, kann man recht problemlos einen totalitären Staat machen. Deshalb brauchen wir das Gedenken, die Erinnerung. Der Liedermacher Manfred Siebald hat zum Fall der Mauer am 9. November 1989 ein Lied geschrieben, das, so hoffe ich, für sich spricht. Mit einigen Zeilen aus seinem Liedtext möchte ich schließen:

 

Über Nacht kann sich alles ändern, 

alte Lehren melden den Bankrott;

die Gedanken tasten nach Geländern. 

Wohl dem, der einen Halt hat ...

 

Über Nacht rosten blanke Orden, 

und das Lob von gestern wird zum Spott.

Mancher Ruhm ist zur Last geworden. 

Wohl dem, der einen Halt hat ...

 

Über Nacht gehn die kurzen Beine 

langer Lügen plötzlich nicht mehr flott,

und die Wahrheit reißt sich von der Leine. 

Wohl dem, der einen Halt hat ...

 

Über Nacht können Gräber sprechen 

und die Henker schleift man zum Schafott.

Was einst Recht schien, zeigt sich als Verbrechen. 

Wohl dem, der einen Halt hat.

 

Über Nacht können Sockel wanken, 

und die Helden wandern auf den Schrott,

und mit ihnen wandern die Gedanken.

Wohl dem, der einen Halt hat ...

 

In diesem Lied fehlt am Ende jeder Strophe ein Wort. Wohl dem, der einen Halt hat: Gott. Ihn brauchen wir, um unsere Ethik nicht in die Luft zu hängen, und um die Menschenwürde mehr als menschlich zu begründen. Wohl uns, wenn wir unsere Freiheit, unsere Demokratie, unsere Zukunft, unsere Werte irgendwo festmachen können. Wohl dem, der einen Halt hat: Gott.

Freitag, 28. August 2020

Zur Kommunalwahl 2020 in Ahaus

Stellungnahme der katholischen Pfarreien in Ahaus zur Kommunalwahl


Dieser Text wurde in den Medien bisher nur unvollständig zitiert. Hier der ursprüngliche Wortlaut:

 

Am 13. September ist Kommunalwahl. Freiheit und Demokratie gehören zu den großen Errungenschaften der Menschheit, die es mit allen Kräften zu schützen gilt. Als Bürger*innen und als Christ*innen machen wir deshalb von unserem Wahlrecht Gebrauch. Wir haben die freie Wahl zwischen vorrangig sozialer oder ökologischer Politik, zwischen eher konservativen oder eher liberalen Werten. Es gibt Parteien, die sich besonderer lokaler Themen angenommen haben, und Politiker*innen, die sich ohne Parteimitgliedschaft für ihre Stadt engagieren. Es ist ein breites Spektrum, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.

 

Nur eine Wahl haben Christ*innen nicht. Sie können ihre Stimme keiner Partei geben, deren Ziele dem christlichen Menschenbild widersprechen, deren Spitzenvertreter sich nicht eindeutig genug von populistischen, nationalistischen und rassistischen Tendenzen distanzieren und die aus den Fehlern insbesondere der deutschen Geschichte nichts lernen wollen. Wer die Würde eines jeden Menschen relativiert und die freiheitliche Demokratie gefährdet, gehört weder ins Parlament noch in den Stadtrat. 

 

Der christliche Glaube ist nicht parteipolitisch, das versteht sich von selbst. Weil aber Gott parteiisch ist – für Recht und Gerechtigkeit, für Freiheit und Verantwortung, für die Armen und Leidenden –, ist der Glaube politisch. Deshalb darf die Kirche nicht schweigen, sie muss sich um Gottes willen zu Wort melden.

 

Die Pfarreiräte und Kirchenvorstände der katholischen Pfarrgemeinden 

St. Mariä Himmelfahrt, Ahaus 

St. Mariä Himmelfahrt, Alstätte und Ottenstein

St. Andreas und Martinus, Wüllen und Wessum

Dienstag, 26. Mai 2020

Der Himmel ist kein Ort

Liebe Schwester Brüder, das heutige Evangelium ist der Beginn des Abschiedsgebets Jesu aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums. Es hat mich zu drei Fragen animiert: 
    Wo ist der Himmel?
    Was ist Ewigkeit? und 
    Was ist dann das ewige Leben?

Zur ersten Frage: Wo ist der Himmel? Wir wissen alle, er ist nicht oben und nicht unten nicht rechts und nicht links. Sondern jenseits des erfahrbaren Raums. Die Engländer und Amerikaner haben es leichter. Sie sagen „sky“ für den Ort, wo die Wolken und Flugzeuge fliegen, und „heaven“ für den „Ort“ Gottes. Aber auch das führt nicht weiter. Hat denn Gott einen Ort? Kann man „heaven“ überhaupt sagen? Gott scheint irgendwie überall und nirgends zu sein. „Gott ist überall zu orten, aber nirgends zu lokalisieren“, sagt der evangelische Theologe Heinz Zahrnt. 

Gott ist überall zu orten, aber nirgends zu lokalisieren: Man kann ihn überall erfahren, aber man kann nicht sagen: „Jetzt hab ich ihn“. Wo soll der Himmel auch sein? Wir können nur denken in Zeit und Raum. So ist unser Gehirn gemacht. Deshalb brauchen wir, um überhaupt etwas über Gott und seinen Himmel zu sagen, Bilder aus Zeit und Raum. Nur Bilder! Und wissen doch, dass Gott jenseits von Zeit und Raum ist. Er ist ganz gegenwärtig – jetzt und hier.  

Wir wissen – und manche sind immer noch traurig darüber –, die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Der Urknall war vor 13,7 Milliarden Jahren. Seitdem driftet der Raum auseinander. Unsere Sonne ist ein Stern der dritten Generation. Also auch schon zusammengesetzt aus dem, was vorher mal explodiert war. Sie ist keine fünf Milliarden Jahre alt. Unser Sonnensystem – die Sonne und die Planeten – befindet sich am Rande der Milchstraße in einem Seitenwirbel – also nicht einmal in der Mitte – und driftet auch auseinander. Unendliche Weiten. Und wir? Die Atome und Moleküle, aus denen wir zusammengesetzt sind, sind letzten Endes Sternenstaub, der sich irgendwo mal zusammengetan hat vor unendlicher Zeit. Die Erde hat zwei Milliarden Jahre gebraucht bis zur ersten Aminosäure. Und vom Einzeller bis zum Menschen waren es bloß 900 Millionen Jahre. Als das Leben einmal da war, ging es scheinbar ganz schnell. 

Wo soll bei diesen unendlichen Räumen der Himmel sein? Gott ist kein Gegenstand dieser Welt. Wir können nicht über ihn sprechen wie über einen Gegenstand. Und wenn er nur ein Begriff des Denkens wäre, wäre er eben ein Begriff – und nicht Gott. Er ist über alles hinaus über allem und in allem. Wir können ihn nicht denken mit unserem Gehirn. 

Ich kannte einen Professor für theoretische Physik am Max-Planck-Institut in Göttingen. Ein frommer Professor, der jeden Tag die heilige Messe besuchte. Solche Physiker gibt es auch! Er erklärte mir das so: „Stell dir vor, du kannst ein Wasserstoffatom vergrößern, bis der Atomkern so groß ist wie eine Apfelsine. Dann ist das Elektron so groß wie ein Stecknadelkopf und saust in tausend Kilometern Entfernung mit zwei Millionen Stundenkilometern um die Apfelsine herum. Und wenn du alle Atomkerne der Erde zusammendrücken könntest, bis sie einander berührten, dann wäre die ganze Erde noch so groß wie ein Fußball, aber so schwer wie die Erde. Und die ganze Menschheit kaum so groß wie ein Zuckerstückchen. Unvorstellbar!“ Und dann sagte er: „Und das meiste davon ist eben nichts anderes als Raum und Bewegung.“ Raum und Bewegung! Und nach einer Weile fügte er hinzu: „Und das ist für mich Geist. Das ist für mich Gott in allem und über alles hinaus.“ 
Die Mystiker haben es immer gewusst. Meister Eckart hat zum Beispiel gesagt: „Gott ist mir näher, als ich mir selber bin.“ Er ist hinter allen Dingen und in jedem Menschen. Und Johannes Scheffler: „Halt an wo läufst du hin, der Himmel ist in dir!“ Wenn du also Gott nicht in dir findest, findest du ihn gar nicht. Nimm ihn war als das große Geheimnis deines Lebens. 
Das Liebe Schwestern und Brüder, ist auch mein Glaube. Es ist alles Geist. Und wir sind schon mittendrin. Nur wir nehmen es nicht wahr – oder nur sehr selten. 

Die zweite Frage: Was ist Ewigkeit? Izaak Newton meinte noch, die Zeit sei eine unumstößliche physikalische Größe, sie sei überall im Weltall gleich. Albert Einstein hat ausgerechnet, dass die Zeit relativ zum Raum ist. Je nachdem, wo ich bin, erlebe ich die Zeit anders. Wenn wir zum Beispiel in die Sterne gucken, dann schauen wir bereits in unsere Vergangenheit. Weil das Licht so lange braucht. Und weil die Schwerkraft den Raum krümmt, ist die Zeit überall anders. Gott ist jenseits der Zeit, wenn wir sagen, dass er ewig ist. Wäre die Ewigkeit bloß eine Zeit, die nicht aufhört, die einfach lange andauert, dann wäre sie ziemlich langweilig. Und wir müssten im Himmel ab und zu Urlaub von Gott machen, weil wir eine solch maßlose Langeweile nicht aushalten würden. Immer dasselbe! Die Ewigkeit muss wie ein Augenblick sein. Eine Gegenwart jenseits der Zeit. Gott ist reine Gegenwart: pure Präsenz!

So ist das ewige Leben nicht ein Ort und nicht eine Zeit, sondern eine Begegnung. Kein Ort, an dem wir einmal sein werden, und keine Zeit, die nicht zu Ende geht, sondern eine Begegnung. Das ewige Leben ist Gott selbst. Und so sagt Jesus im heutigen Evangelium – in seinem Abschiedsgebet: „Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen, und Jesus Christus, den du gesandt hast.“ Das ist der erste Teil des hohepriesterlichen Gebets Jesu. Zuvor gab es drei Kapitel Abschiedsreden an seine Jünger im Abendmahlsaal. Und jetzt betet Jesus zum Vater, er möge ihn verherrlichen. Jesus meint damit seinen Kreuzestod, durch den Gott ihn verherrlicht und zu sich aufnimmt. Dabei betet er auch für seine Jünger, bei denen er bleiben wird auf eine neue, geistige Weise. „Das ist das ewige Leben, dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen, und Jesus Christus, den du gesandt hast.“ 

Der Himmel, die Ewigkeit, ist also ein Jemand und kein Etwas. Ich habe das schon einmal erfahren dürfen in der Meditation – im kontemplativen Gebet. Wir sagen ja normalerweise, es gibt drei Zeitformen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Vergangenheit und die Zukunft sind reine Zeitformen. Aber die Gegenwart ist eine Zeitform, die zugleich auch einen Raum bedeutet. Sie kennen das: Jemand ist ganz gegenwärtig. Dann sagen wir: „Der ist so präsent, der füllt den ganzen Raum.“ „Ich bin ganz gegenwärtig“, heißt: „Ich bin jetzt und hier. Ich bin in der Gegenwart, an diesem Ort, in dieser Zeit.“ Und selbst Einstein sagt, dass am Ende aller Physik Raum und Zeit wieder zusammenfallen, alle Energie wird wieder auf Null gesetzt. Da ist reine Gegenwart. 

Gott also ist immer hier und jetzt. Und wenn ich ganz gegenwärtig bin, dann spüre ich ihn. Er ist pure Präsenz. Er geht mit uns durch die Zeit und hält uns eine Zukunft bereit, die wir etwas naiv den Himmel nennen, aber die eigentlich darin besteht, dass wir in ihm sind. Das ewige Leben ist niemand anders als er selbst. Am Ende ist Gott alles in allem. 

Ich durfte einmal einen sterbenden Mann begleiten, der das gut verstanden hatte. Er sagte auf dem Sterbebett zu seiner Frau: „Ich bin in Gott und Gott ist in mir. Und du bist auch in Gott und Gott ist in dir. Und so sind wir beide ganz nah.“ 

(Predigt zum 7. Ostersonntag A - Livestream aus Ahaus St. Mariä Himmelfahrt)

Freitag, 1. Mai 2020

Hemd und Jacke

Willkommen zum Wort zum Wochenende der Münsterland-Zeitung! Ich möchte nichts über Gottesdienste und Abstandsregeln sagen, nichts über Messen und Hygiene beim Kommunionempfang. Das machen unsere Pfarreien derzeit sehr unterschiedlich: In Stadtlohn gibt es mehr Messen, in Vreden dafür sehr viel weniger, in Ahaus und Alstätte-Ottenstein wie sonst auch. Die evangelische Kirche feiert ohne Abendmahl. Das hat alles nichts mit Theologie zu tun, sondern mit Hygiene – und mit Angst. Aber das alles lasse ich jetzt mal außen vor.

Ich möchte heute über etwas anderes sprechen: über Hemd und Jacke. Über das Hemd, das den meisten näher ist als die Jacke. Wir erleben zurzeit: Ein Virus macht kurzatmig und zerstört die Lunge. Daran sterben nicht nur alte Leute oder Menschen mit Vorerkrankungen,
die es auch bei einer Grippe erwischt hätte. Also Menschen, die nicht an, sondern mit Corona sterben. Sondern es betrifft ganz normale Leute „wie du und ich“. Deswegen bin ich so froh, dass wir eine Regierung haben, die sich beraten lässt und nicht bloß herum-„trump“-elt. 

An die Lunge also geht das Virus. Die Lunge ist das Problem.  Ich frage mich: Sind wir nicht alle atemlos geworden? Nicht „atemlos durch die Nacht“, sondern atemlos vom allerletzten Schrei! Wir wollen haben, immer mehr. Und zerstören dafür hemmungslos die Schöpfung. Der Regenwald zum Beispiel, so sagt man, sei die „Lunge“ der Erde. Doch wir zerstören sie. Und damit die Zukunft unserer Kinder.

Was Corona für die Lunge ist, das sind die reichen Länder für die Welt!

Ich spreche vom Klimawandel – wer spricht jetzt noch davon? Nimmt uns die Angst vor dem Virus den Sinn für alles andere? Diese Angst macht atemlos, sie bestimmt alle Aufmerksamkeit. Das Hemd ist uns eben näher als die Jacke: Wenn’s weit weg ist, ist’s wohl nicht so wichtig. Wenn’s nur für alle ist, scheiß egal. Hauptsache: ich, und zwar jetzt! Hauptsache: alles, und zwar sofort!

Das Virus macht der Politik Beine und ermöglicht Milliardenhilfen. Der Mittelstand braucht sie dringend, diese Hilfen, denn der Mittelstand ist die Stütze unserer Wirtschaft. Ehrliche Leute, die nicht „chef“-feln, sondern arbeiten. Diesem Wohlstand verdanken wir unsere Freiheit! Doch was ist mit den Konzernen? Sie verlangen Staatshilfen und steuerfinanzierte Kaufanreize, aber schmeißen dann mit Dividenden und Boni nur so um sich. Die Wirtschaft als ganze stagniert, nur die Rüstungsexporte steigen weiter. Wir profitieren alle von diesem Profit, doch der Preis dafür ist hoch. Rüstung ist eben nicht nachhaltig, sondern tödlich.

Und die Geflüchteten, die sind plötzlich weit weg und sitzen unbeachtet auf Inseln ohne Menschenrechte. Jeden Tag sterben über 20.000 Menschen an Hunger. Die Mitbewohner unserer Erde kriegen wie immer nur das, was wir übriglassen. Wir sollten uns was schämen, Sie und ich! Und einsehen: Unser Lebensstil ist tödlich!

Was Corona für die Lunge ist, das sind viele von uns für die Welt!

Das Virus schränkt Recht und Freiheit ein und fast alle machen mit, sie lassen es sich gefallen. Nur ein wenig knurren sie über die Masken, und dass man im Laden warten muss. Aber alles in allem funktioniert es. Gut so! Wären wir doch immer so vernünftig und nähmen Rücksicht aufeinander. Doch den meisten ist eben das Hemd näher als die Jacke: Sie fangen erst dann an zu denken, wenn es ihnen selber an den Kragen geht.

Wäre der Glaube ansteckend, könnte die Welt dann wieder atmen? Das Virus macht überdeutlich: Alle Menschen müssen sterben. Wir sind alle sterblich, todsicher. Sind wir vielleicht deshalb jetzt so nervös, weil wir das vergessen hatten, vielleicht auch nur verdrängt? Alles dreht sich jetzt um Geld und Leben: das nackte Überleben und die Wirtschaft. Und dabei steht beides nicht im Grundgesetz: nicht der Profit, nicht das gesunde und keimfreie Leben. Sondern die Menschenwürde. Die Freiheit. Und das Recht auf Bildung. Was ist mit der Menschenwürde in den Altenheimen, wo kein Besuch mehr hindarf? In den Kindergärten und Schulen? In den Gaststätten, die reihenweise pleite gehen? In den kleinen Betrieben, die ums Überleben bangen?

Wir müssen alle sterben, und deshalb müssen wir das Leben schützen. Aber bitteschön das Leben aller Menschen, und nicht nur unser eigenes. Denken Sie an die Jacke und das Hemd! Alle Menschen müssen sterben: „Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig“, heißt es in Psalm neunzig. Ja, so ist das! Und auch ich muss sterben. Aber ich habe eine große Hoffnung. Ich liebe das Leben, aber ich hänge nicht daran, so als gäbe es nichts anderes. Weil ich diese Hoffnung habe. Ich muss nicht alles aus dem Leben herausholen, was womöglich drinsteckt an Jahren und Erlebnis. Ich habe keine Angst, irgendetwas zu verpassen. Deshalb kann ich mein Leben für andere einsetzen.

„Ich bin gelassen im Vorletzten, weil ich geborgen bin im Letzten“, sagt Romano Guardini. Das Wort habe ich mir ins Herz geschrieben: „Ich bin gelassen im Vorletzten, weil ich geborgen bin im Letzten.“ Deshalb will ich nicht nur um mich selber kreisen, nicht um meine Gesundheit, nicht um mein Leben, nicht um meinen Besitz und nicht um meine Angst.

Jesus sagt: „Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben einsetzt, der wird es finden.“ Seien Sie deshalb hilfreich, machen Sie irgendwem das Leben leichter, setzen Sie sich für eine gute Sache ein, übernehmen Sie ein Ehrenamt, achten Sie auf die Umwelt. Dann ist viel getan. Mit einem Wort: Bewahren Sie sich nicht für sich selbst! „Denn wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren, wer es aber einsetzt, der wird es finden.“

Die Rede ist auf www.muensterlandzeitung.de als Video erschienen. In den Pfarrnachrichten von St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus steht das Ganze lyrisch verdichtet:


Hemd und Jacke

Ein Virus macht kurzatmig
und zerstört die Lunge.

Wir wollen haben, stets gehetzt
vom allerletzten Schrei –
und zerstören hemmungslos
die Lunge dieser Erde.

Ein Virus macht der Politik Beine
und ermöglicht Milliardenhilfen.

Wir lassen die Geflüchteten sitzen
auf Inseln ohne Menschenrechte;
die Mitbewohner dieser Erde
kriegen nur, was übrigbleibt.

Ein Virus schränkt Recht und Freiheit ein
und fast alle machen mit.

Wären wir doch immer so vernünftig
und nähmen Rücksicht aufeinander.
Doch den meisten ist das Hemd
näher als die Jacke.

Wäre der Glaube ansteckend,
könnte die Welt dann wieder atmen?

Stefan Jürgens

Freitag, 24. April 2020

Kleine Gebetsschule XXXIX: Ein neuer Anfang

Meine kleine Gebetsschule ist durch die Anfragen vieler Menschen entstanden, die nicht oder nicht mehr beten konnten. Und durch mein eigenes Suchen und Fragen. Daraus sind Texte, Anregungen und ein Buch entstanden, das ich auf „Kirche und Leben“ sowie in meinem Internet-Blog „Der Landpfarrer“ stückchenweise veröffentlichen durfte, in neununddreißig Abschnitten.

Mit dem Beten hatte auch ich anfangs große Schwierigkeiten. Ich wollte Christ sein mit Bewusstsein und Konsequenz, doch ich hatte ein Problem: Ich konnte nicht beten. Selbstverständlich habe ich es immer wieder versucht. Aber es wollte nicht gelingen. 

Bis ich irgendwann zu mir gesagt habe: Dein Glaube braucht ein Dach überm Kopf. Du darfst nicht so sehr auf Innerlichkeit setzen – also bete von außen nach innen. Methoden reinigen das Herz – tu immer wieder dasselbe, halte durch, mach dein Gebet nicht abhängig von Lust und Laune, von Erfolg und Misserfolg. Sondern stelle dich hinein in die Erfahrung vieler Beterinnen und Beter vor und mit dir. Und siehe – es begann in mir zu beten. Heute bin ich dankbar, mein Gebet nicht mehr zu überfordern, sondern mein ganzes Leben in Gottes Gegenwart bestehen zu versuchen. Meine eigene Gebetspraxis ist durch eine Schule gegangen. Es fällt mir immer noch schwer, aber das belastet mich nicht mehr.

In meiner Gebetsschule ging es zunächst um die Gottesfrage, das wichtigste Thema des Glaubens: Wer ist Gott? Und wer ist Gott – für mich ganz persönlich? Dann ging es um die Bedeutung Jesu Christi für mein ganz persönliches Glauben (Glauben ist ein „Tu-Wort“!). Und um den Heiligen Geist, die Kraft Gottes, durch die er mir näher ist als ich mir selbst. Die weiteren Impulse sind praktische Anregungen, eine verlässliche Ordnung zu entwickeln (das ist das Allerwichtigste). Und verschiedene Gebetsweisen und Methoden kennen zu lernen. 

Ich bete nicht, weil ich glaube, sondern ich glaube, weil ich bete! Ohne das persönliche Gebet wird Gott zu einem Niemand. Ich möchte mit meinem Beten nicht Gott verändern. Aber ich vertraue darauf, dass Gott mich verändert, wenn ich bete.

Ich wünsche Ihnen einen neuen Anfang mit Gott!
Stefan Jürgens