Donnerstag, 25. Dezember 2025

Weihnachten 2025

Das „Heilige Jahr“ geht zu Ende. Ja, 2025 war ein „Heiliges Jahr“. „Heiliges“ Jahr? Es ist doch Krieg in der Ukraine, im Gaza-Streifen, im Sudan. Es herrscht ein Wirtschaftskrieg zwischen Diktatoren und Kleptokraten, die zurzeit die Welt unter sich aufteilen wollen. Wir sehen den Rechtsruck in der Gesellschaft; Spaltung hier, Desinteresse dort. Das alles ist doch ganz und gar nicht „heilig“, oder?

 

„Heiliges Jahr“ ist auch eher etwas für die katholische Binnenwelt. Alle 25 Jahre gibt es so etwas. Seit dem Jahr 1300. 2025 war eines dieser „Heiligen Jahre“. Und das hatte seinen Grund und ein Thema: das 1.700jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa.

 

Papst Leo ist extra hingefahren, nach Nizäa, in das heutige Iznik in der Türkei. Wo im Jahre 325 das erste Konzil stattgefunden hat. Heute gibt es dort nur noch Ruinen. Die Basilika, in der das Konzil stattgefunden hat, war von einem See überschwemmt gewesen. Eine versunkene Kathedrale. Nach Jahrhunderten tauchte die Basilika wieder auf. Damals, 325 also, haben 29 Bischöfe daran teilgenommen, mehr nicht. Zum Vergleich: Beim letzten Konzil in den Sechzigerjahren waren es bereits 2.400. Einer der 29 Bischöfe in Nizäa war der heilige Nikolaus, den die Kinder so mögen. Leider sind alle Kindergeschichten von ihm bloß Legenden. Das einzig Historische am heiligen Nikolaus ist das Konzil von Nizäa.

 

Warum gab es damals ein Konzil? Kaiser Konstantin hatte es einberufen. Er wollte mit der Einheit des Glaubens die Einheit seines Reiches sichern. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal getauft.

 

Was wurde besprochen? Es ging um Jesus. Ob er Gottes Sohn ist oder nicht. Arius, ein Presbyter aus Alexandria, meinte nämlich: Jesus ist nicht Gottes Sohn. Sondern nur ein Geschöpf. Zwar nicht bloß irgendein Geschöpf wie du und ich. Sondern das erste und das beste Geschöpf Gottes, des Vaters. Immerhin. Arius sagte deshalb: Jesus ist Gott, dem Vater, nur wesensähnlich. Und Arius hatte eine Menge Anhänger. Es drohte die Spaltung der Kirche.

 

Die Bischöfe auf dem Konzil haben damals gesagt: wesensähnlich ist zu wenig. Wenn schon, dann wesensgleich. Jesus ist wesensgleich mit dem Vater. Nicht bloß wesensähnlich. Wenn schon, denn schon. Wesensgleich, griechisch „homo-ousios“, das war kein Begriff aus der Bibel. Sondern aus der Philosophie. Aber macht nichts. Die Spaltung wurde verhindert. Herausgekommen ist unser großes Glaubensbekenntnis. Das so genannte „nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“: „Credo in unum Deum.“ Das beten seither alle Christen, weltweit und ökumenisch. Darin heißt es über Jesus, den Sohn Gottes: „Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem Vater.“ Die Bischöfe damals waren sehr klug. Sie haben zwei Dinge miteinander verbunden: den Monotheismus (es gibt nur einen Gott) und die Menschwerdung dieses Gottes in Jesus. Ziemlich clever.

 

Was aber bedeutet das? Bedeutet uns das etwas? Ist das überhaupt relevant? Man könnte sagen: Das war doch bloß Politik. Kaiser Konstantin und so. Die Einheit des römischen Reiches. Konstantin, der sich erst auf dem Sterbebett hat taufen lassen. Und das ausgerechnet „arianisch“. Man könnte sagen: Das alles sind Fragen, die heute keiner mehr stellt. Besser formuliert: „Der Klärungsbedarf altkirchlicher Konzilstexte ist höher als ihr Erklärungspotenzial“ (Hans-Joachim Höhn). Was glauben Sie? Umfragen zufolge stimmen nur ein Drittel der Kirchenmitglieder der folgenden Aussage zu: „Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.“

 

Was glauben Sie? Was glaubst Du? Was glaube ich? Das ist hier die Frage. Die Frage ist: Wer ist Jesus Christus für mich? ... für uns? Ein Christentum ohne Christus ist sinnlos. (Tannenbaum, Sterne, Engel, Nikolaus, St. Martin, Kirche, Papst, Beten – ohne Christus alles sinnlos). Mein persönliches Credo lautet deshalb: „Ich glaube Jesus seinen Gott“. Das klingt zunächst so, als sei der Dativ wirklich dem Genetiv sein Tod. Ich meine aber Jesus im Dativ: Ich glaube ihm – Jesus – seinen Gott! Ohne diesen Jesus Christus würde ich nicht an Gott glauben. Er ist für mich das menschliche Angesicht Gottes.

 

Ich mute Ihnen das jetzt einmal zu. Eine theologische Reflexion über Jesus. Botho Strauß, ein deutscher Schriftsteller, sagt: „Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts.“ Es ist unwahrscheinlich, dass Gott Mensch wird. Weihnachten ist unwahrscheinlich! Dass Gott Mensch wird, das kann sich niemand ausdenken, das kann sich niemand wünschen, das ist ein absolutes Geschenk. Aber ohne dieses Geschenk gibt es – keine Erlösung! Denn Erlösung können wir nicht selber machen.

 

Was bedeutet das nun – Jesus ist Gottes Sohn? Wir könnten in zwei Straßengräben geraten: Einerseits lauert die Gefahr, aus Jesus einen Biedermann zu machen, ein bloßes Vorbild; einen Menschen, der freundlich und nett war. Andererseits besteht die Versuchung, Jesus ins Jenseits zu befördern, ihn nur noch als Gott zu sehen und nicht mehr als Mensch unter Menschen. Jesus als vorbildlicher Mensch, was wäre zu wenig. Jesus als Gott, das wäre zu viel. Wesensähnlich (wie bei Arius) wäre zu wenig. Genau passend ist: wesensgleich. Das ist ausgewogen: Gott UND Mensch.

 

Und es hat eine Bedeutung: Wenn Jesus als Gott wesenseins mit dem Vater ist, dann ist er auch als Mensch wesenseins mit uns. Jesus hat uns Gott gebracht. Gut 100 Jahre nach Nizäa, beim Konzil von Chalcedon (451), wurde gesagt: „Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, ungetrennt und unvermischt.“ Also nicht nur das eine oder das andere, sondern beides, aber eben kein Mischmasch. Als Gott bringt uns Jesus die Erlösung, denn niemand kann sich selbst erlösen, das kann man sich nur schenken lassen. Als Mensch zeigt uns Jesus, wie wir sind und wie wir sein könnten: Er weiß, wie es uns geht; er weiß, wie wir leben und lieben und leiden. 

 

Anders gesagt, auf den Punkt gebracht:

Gott wird Mensch, damit der Mensch nicht Gott wird. 

Gott wird Mensch, damit der Mensch sich nicht zu Gott macht.

 

Denn das ist die Gefahr: Wir wollen immer höher, schneller, weiter (das ist Kapitalismus, Wachstum um jeden Preis; das ist die neoliberale Leistungsgesellschaft, die sich selbst erlösen will). Wir machen uns selbst zu Gott, zum Herrn über Leben und Tod (das machen die Kriegstreiber und Weltzerstörer). Wir wollen sein wie Gott (wie unsere Diktatoren und Kleptokraten). Wir sehen einander nicht mit den Augen Gottes (wie die Rechtsradikalen und Nationalisten, die keine Menschenwürde kennen). Wir bauen weiter am Turm von Babel – und spalten damit die Welt. Wenn Gott nicht Mensch wird, gibt es keine Erlösung. Wenn aber Gott Mensch wird, müssen wir nicht Gott sein; wir können Mensch bleiben: einfach, schlicht, bodenständig.

 

Erlösung gibt es ohne Eigenleistung. Gratis! Umsonst! Weil Gott gekommen ist. Der heruntergekommene Gott. Bleiben wir also schön hier unten. Wir Erdenmenschen. Erde heißt lateinisch „humus“. „Humilitas“ ist die Demut. Ein bisschen mehr Demut stünde uns Erdenmenschen gut an. 

 

Die Frage ist: Wie kann man „endlich“ Mensch sein? „Endlich“ im zweifachen Sinn – endlich, weil es dafür Zeit wird; endlich aber auch als Menschen, die tatsächlich endlich sind: sterblich! Wie können wir die Würde anderer achten – wo doch Gott uns würdig gemacht hat, einer von uns zu sein? Wie können wir die Schöpfung achten, wo doch Jesus Mittler zwischen Schöpfer und Geschöpf ist, wahrer Gott – und wahrer Mensch?

 

Nizäa – bloß politisch motiviert? Nein! Nizäa – nicht relevant? Doch! Unbedingt. Als in Nizäa das Konzil tagte, wurde in Rom das Weihnachtsfest erfunden.

 

Haben Sie von Margot Friedländer gehört? Eine Zeitzeugin, die im Mai dieses Jahres gestorben ist. Mit 103 Jahren. Eine KZ-Überlebende, die sich für Versöhnung eingesetzt hat. 

Beeindruckend. Ein bekanntes Wort von ihr können Sie zurzeit auf Briefmarken lesen: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen, seid vernünftig.“ Diese Botschaft geht auch von Weihnachten aus. Von Nizäa. Von unserem Glaubensbekenntnis: „Seid Menschen!“ „Seid endlich Menschen!“

Mittwoch, 17. September 2025

Palliative Pastoral

Das heute noch menschenmögliche Handeln der Kirche bezeichne ich gerne als palliative Pastoral. Und zwar nicht aus Resignation, sondern aus purer Vernunft. Die Sozialgestalt der Kirche als Volkskirche ist längst tot. Auch das, was davon noch übriggeblieben zu sein scheint, liegt im Sterben. Dies gilt es zu akzeptieren. Europa wird schon sehr bald ohne gesellschaftlich relevantes Christentum sein. Der Sterbeprozess kann nicht aufgehalten werden, ja er wird sogar noch beschleunigt durch das schlechte Ansehen der Kirche sowie durch den anhaltenden Reformstau. 

 

Nun könnte man denken: Es hat sowieso alles keinen Sinn mehr, also machen wir den Laden dicht. Palliativmediziner sind jedoch keine Totengräber. Dem palliativ betreuten Patienten wird besonders viel Aufmerksamkeit zuteil. Man versucht, ihm die letzte Lebensspanne so angenehm wie möglich zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um die richtige Medizin, sondern um eine gute Atmosphäre, um Begegnungen und Gespräche, um die Erfüllung besonderer Wünsche und um die Linderung von Schmerzen. Das Leiden wird nicht aus der Welt geschafft, sondern möglichst erträglich gemacht. Der Tod wird nicht verdrängt, sondern bewusst wahrgenommen. Es gibt keine Durchhalteparolen. Der hohe Personal- und Sachaufwand ist ein Zeichen dafür, dass das Leben seine unaussprechliche Würde bis zuletzt behält. 

 

Palliative Pastoral bedeutet nun: Wir geben alles – bis zuletzt. In Liturgie, Katechese und Caritas setzen wir unsere ganze Kreativität ein, auch wenn wir das alles morgen oder spätestens übermorgen nicht mehr in diesem Umfang brauchen, geschweige denn können werden. Jede Taufe, Trauung und Beerdigung ist eine Chance, das Leben für Gott aufzuschließen, auch wenn dadurch keine Kirchenbindung entsteht. Palliative Pastoral bedeutet aber auch: Wir wissen, dass es zu Ende geht. Deshalb machen wir uns keine falschen Hoffnungen. Es wird weiterhin Christinnen und Christen geben, sie werden ihre Kirchen größtenteils nicht abreißen. Aber der behördenkirchlich organisierte Glaubensgehorsam wird der Freiheit weichen. Palliative Pastoral ist eine großzügige, vertrauende, freilassende Seelsorge. 

 

Ich lebe ja nicht für die Kirche, sondern von Gott her für die Menschen. Wer von Gott groß denkt, muss sich um den Fortbestand der Kirche keine Sorgen machen. Deren Niedergang kann auch eine österliche Perspektive haben. Gott findet neue Wege, das Herz der Menschen zu erreichen. Nicht die Kirche hat eine Mission, sondern Gottes Mission hat – auch – eine Kirche. 

Freitag, 9. Mai 2025

Brief an Papst Leo XIV.

Sehr geehrter Herr Robert Francis Prevost,

lieber Papst Leo XIV.,

 

zu Ihrer heutigen Wahl zum 267. Papst unserer römisch-katholischen Kirche gratuliere ich Ihnen sehr herzlich. Sie dürfen für die Welt sein Segen sein! Trotz Ihrer pastoralen Erfahrung als Ordenspriester, Bischof und Kurienkardinal werden Sie Respekt vor Ihrer neuen Aufgabe haben, vielleicht sogar ein bisschen Angst. Ich wünsche Ihnen Mut und Zuversicht!

 

Sie brauchen kein Regierungsprogramm aufzustellen. Ihr Vorgänger, Papst Franziskus, hat eine Richtung vorgegeben, die für die römisch-katholische Kirche verbindlich bleiben sollte: die Sorge für die Armen und die Schöpfung, der Kampf gegen den Klerikalismus und die gelebte Synodalität. Dieses Programm dürfen Sie weiterführen, denn Papst Franziskus ist mit den dafür nötigen Reformen nicht wirklich weitergekommen. Den Worten müssen jetzt Taten folgen: ecclesia semper reformanda!

 

Ich bin froh, dass die römisch-katholische Kirche mit einer Stimme sprechen kann. Mit Ihrer Stimme, lieber Papst Leo XIV.! Im Lauf der Kirchengeschichte wurde das Papstamt mit weltlicher und, als diese zerbrach, mit geistlicher Macht geradezu aufgeladen. Der daraus entstandene Zentralismus hat der Kirche nicht gutgetan. Er hat den Glauben im Dogma erstarren und die Menschen vor Angst erzittern lassen. Was mir deshalb an Ihrem Amt nicht so gefällt, ist der absolute Primat in Leitung, Lehre und Moral. Hier wäre mehr Synodalität vonnöten. Ein Konzil beispielsweise sollte über dem Papst stehen.

 

Die mediale Aufmerksamkeit, die den Päpsten seit einigen Jahrzehnten zuteil wird, sehe ich dagegen als eine große Chance. Ihre Stimme, lieber Papst Leo XIV., wird gehört, sie hat Gewicht in der Welt, sie kann dem globalen Frieden und der Gerechtigkeit dienen. Deshalb sollten Sie Ihre Stimme erheben, wenn es um die Menschenwürde und die Schöpfung geht, sich aber zurückhalten, wenn Sie in Versuchung geraten, innerhalb der römisch-katholischen Kirche das letzte Machtwort sprechen zu wollen. Seien Sie also gerne nach außen eine moralische Instanz, nach innen aber eher ein Sprecher, ein Moderator, ein Repräsentant. Ein solches Papstamt wäre auch ökumenisch konsensfähig.

 

Ihr Vorgänger hat immer wieder den Klerikalismus angeprangert, dieses Machtgefälle, das unsägliches Leid verursacht hat. Theologisch müsste der Klerikalismus längst überwunden sein, denn jeder Mensch hat eine eigene Gottunmittelbarkeit. Wer dem Weiheamt eine größere Gottesnähe unterstellt, ist letzten Endes in einer archaisch-magischen, unreifen Religiosität stecken geblieben. Im Glauben gereifte Christinnen und Christen brauchen keine Überväter, denn sie haben Geschwister! Am besten können Sie, lieber Papst Leo XIV., den Klerikalismus überwinden, indem Sie Frauen zum Weiheamt zulassen, den Zölibat freistellen und das Bischofsamt zeitlich begrenzen. Damit würde die römisch-katholische Kirche ihr größtes Übel, nämlich den patriarchalen Klerikalismus, mit einem Schlag überwinden.

 

Ich vermute jedoch, dass dies während Ihrer Amtszeit nicht zu verwirklichen sein wird. Bisher sind alle Reformversuche an der Angst vor einer Kirchenspaltung gescheitert. Deshalb muss es zunächst darum gehen, die römisch-katholische Weltkirche zu regionalisieren. Ihr schöner Vatikan (nehmen Sie darin bitte Leitung wahr!) darf gerne das Verwaltungszentrum bleiben, ansonsten aber brauchen wir eine polyzentrische Weltkirche mit eigenen Befugnissen vor Ort, und zwar sowohl in der Struktur als auch in der Lehre. Vertrauen Sie, lieber Papst Leo XIV., auf den Gottesgeist, der weht, wo er will. Der moderne Mensch will Freiheit. Gewähren Sie deshalb eine möglichst große Freiheit auf Ebene der Bischofskonferenzen und der Diözesen, denn damit stärken Sie die Verantwortung aller für das Ganze. 


Ihr gewählter Name Leo XIV. weist bereits in diese Richtung, denn Papst Leo XIII. war als Autor der Enzyklika "Rerum Novarum" und als "Arbeiterpapst" der Erfinder des Subsidiaritätsprinzips, mit dem Eigenverantwortung und Kreativität gestärkt und der Zentralismus abgebaut werden soll.

 

Vielleicht haben Sie sich zu Beginn meines Briefes gewundert, dass ich Sie nicht mit einem Ehrentitel angesprochen habe. Ihr Vorgänger, Papst Franziskus, hat bereits sehr weise auf den Titel „Stellvertreter Christi“ verzichtet, offenbar weil er wusste, dass Jesus keinen Generalvikar braucht. Verzichten Sie, lieber Papst Leo XIV., bitte auch auf den Titel „Heiliger Vater“, denn Jesus hat uns geboten, niemanden auf Erden unseren Vater zu nennen (Mt 23,9). Für mich, lieber Papst Leo XIV., sind Sie ein Bruder, dem ich vertrauen möchte und mit dem ich mich in Christus verbunden weiß auf dem Weg zu einer missionarischen Kirche.

 

Mit herzlichen Segenswünschen!

Ihr Stefan Jürgens

Mittwoch, 19. Februar 2025

Differenzierte Gedanken zu einem schwerwiegenden Thema

Zur Suspendierung von Pastor M. aus Ahaus möchte ich folgendes zu bedenken geben:

 

1.     Die Transparenz des Bistums in der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs ist grundsätzlich vorbildlich.

 

2.     Es geht vorrangig um den Schutz der Betroffenen. Diese brauchen unsere Solidarität und Unterstützung, weil sie oft ein Leben lang leiden.

 

3.     Es war in unserem Bistum vereinbart worden, dass ein leitender Pfarrer bei der Investitur (Amtsübergabe) durch den Generalvikar informiert werden soll, falls es in seinem zukünftigen Pastoralteam Missbrauchsvorwürfe gegen eine Kollegin oder einen Kollegen gibt. Die Investituren für meine drei Pfarreien waren 2019 und 2022. Dabei habe ich jeweils eigens nachgefragt, ob etwaige Vorwürfe vorliegen. Dieses wurde verneint. Erst heute folgte die Begründung dafür: Die entsprechenden Verfahren waren noch nicht abgeschlossen. Es wäre dennoch allein für die Auswahl der pastoralen Arbeitsfelder hilfreich gewesen, von den Vorwürfen und Verfahren in Kenntnis gesetzt worden zu sein.

 

4.     Die Pressemitteilung des Bistums ist verwirrend und von daher vernichtend. Es ist nachvollziehbar, dass man aufgrund des Personenschutzes keine weiteren Einzelheiten nennen möchte. Dennoch wäre es sinnvoll gewesen, genauer zu differenzieren, allein um den Eindruck zu vermeiden, es handle sich um einen Pädophilen. Denn dies ist laut Aussage der Staatsanwaltschaft nicht der Fall. Die Pressemitteilung des Bistums öffnet weiteren Phantasien und Spekulationen Tor und Tür und schafft damit eine noch größere Verunsicherung.

 

5.     Bei allem Respekt vor der Präventionsarbeit des Bistums, der sich verändernden Haltung und den Institutionellen Schutzkonzepten, die auf Pfarreiebene erarbeitet worden sind, muss ich sagen: Die wirklich systemischen Ursachen des Missbrauchs (persönliche Unreife, Pflichtzölibat, klerikale Seilschaften, traumatisierende Binnenwelt des Priesterseminars) sind weltweit noch nicht angegangen worden. Die angekündigte Synodalität ist bisher nur ein frommer Wunsch.

 

6.     Insbesondere Pflichtzölibat und Klerikalismus spielen eine große Rolle. Durch den Zölibat wird niemand übergriffig. Aber aufgrund des Zölibats kommen leider auch Menschen ins Amt, die nicht beziehungsfähig sind oder Probleme mit ihrer Sexualität haben. Durch den Klerikalismus werden Strukturen aufrechterhalten, die Machtmissbrauch begünstigen.

 

7.     Solange diese strukturellen Ursachen nicht beseitigt sind, bleibt jeder Einzeltäter – bei aller gebotenen Transparenz, bei aller Priorisierung der Betroffenen, bei allem guten Willen – letztendlich doch auch sowohl Opfer als auch Profiteuer des Systems. Dieses System ist krank und es macht krank. Die katholische Kirche bedarf einer grundlegenden Reform.

 

Ahaus, 19. Februar 2025

Pfarrer Stefan Jürgens

Samstag, 8. Februar 2025

Freiheit und Demokratie

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im Grundgesetz. Und auf den ersten Seiten der Bibel lese ich: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild.“ Menschenwürde ist göttlich! Und Jesus lebt die universale Nächstenliebe. Ohne Grenzen.

 

Deshalb ist die Demokratie von allen Staatsformen die beste. Sie garantiert die gleiche Würde für alle, sie garantiert Freiheit und Vielfalt. Jede und jeder kann sich frei entfalten, sofern er niemand anderem schadet. Eine solche Freiheit jedoch braucht Verantwortung. Und ein waches Gewissen.

 

Selbstkritisch gebe ich zu: Meine Kirche ist keine Demokratie. Leider! Sie ist eine Monarchie, die im Feudalismus steckengeblieben ist. Als Christ und als Bürger jedoch mache ich mich stark für Freiheit und Demokratie. Beides stünde auch meiner Kirche gut an. Wir arbeiten dran.

 

Heute gibt es viele Tendenzen, die unserer Demokratie Schaden zufügen. Sie haben allesamt auch mit uns zu tun – wie wir denken und wie wir leben:

 

-       Da ist der Individualismus. Fast jeder steckt in seiner eigenen Meinungsblase fest. Die Debatte ist futsch, das Interesse am Ganzen geht verloren. Desinteresse jedoch führt zum Erstarken von Diktatoren, Oligarchen und Faschisten. Individualismus macht selbstbezogen. Das Gegenteil von Liebe ist: Gleichgültigkeit.

 

-       Da ist der Rückzug ins Private. Wer kennt noch seine Nachbarschaft, einen Verein, eine Initiative, eine Glaubensgemeinschaft? Dieser Rückzug ins Private bereitet Psychopathen und Narzissten den Weg an die Macht. Wir haben eine apathische Gesellschaft. Man zieht sich zurück. Man wird gleichgültig. Darum ist es gut, dass Sie alle heute hier sind, um dem etwas entgegenzustellen.


-       Da ist die Geschichtsvergessenheit. Sie birgt die Gefahr, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Wofür Generationen gekämpft und gelitten haben, das wird leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Freiheit braucht Verantwortung. Niemand kann sich deshalb erlauben, nicht zur Wahl zu gehen. Das Gegenteil von Liebe ist: Gleichgültigkeit.

 

-       Da ist die Dummheit. Allzu einfache Antworten auf komplexe Fragen. Populisten haben keine Lösungen. Keine einzige vernünftige Antwort! Stattdessen bieten sie Feindbilder. Sonst nichts! Sie möchten, dass wir ihre Feinde zu unseren machen. Es sind jedoch immer die Anständigen, die das Gute in der Welt bewirken.

 

-       Da ist schließlich die Angst. Sie führt zu Abgrenzung und Egoismus. Längst haben wir einen Krieg um Ressourcen, letzten Endes ausgelöst durch den Klimawandel. Wen wundert’s, dass gerade der Klimawandel von den antidemokratischen Kräften geleugnet wird. Es ist immer einfacher, die Schuld auf andere zu schieben, statt sich selbst zu ändern. 

 

Individualismus – Geschichtsvergessenheit – Angst.


Deshalb brauchen wir das Miteinander der guten Kräfte, den Schulterschluss der menschlichen Menschen. Über alle Partei- und Religionsgrenzen hinweg. Die guten Kräfte bündeln. Sich nicht heraushalten. Verantwortung übernehmen. Die Menschenwürde ist universal, sie gilt um Gottes willen. Und das Gegenteil von Liebe ist: Gleichgültigkeit. 


(Rede bei der Menschenkette des Bündnisses "Ahaus bleibt bunt" am 8. Februar 2025)