Montag, 9. Dezember 2024

Das Ende der Monarchie

Monarchien funktionieren so lange, bis man hinter ihre Kulissen schauen kann. Nur bis zu diesem Punkt wird es den Untertanen möglich sein, zu ihren Machthabern aufzuschauen. Ist die Kulisse einmal weg, wird die Revolution nicht lange auf sich warten lassen. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Europa regierende Monarchien, seitdem gibt es nur noch repräsentative. Die Herrschenden hatten sich als unfähig erwiesen und sich geradezu lächerlich gemacht. Sie wurden durch Demokratien abgelöst und verschwanden schnell in der Mottenkiste der Geschichte. 

 

Weltliche und kirchliche Monarchen waren einmal durch göttliche Autorität legitimiert. Adelige fühlten sich bevorzugt, Kleriker erwählt. Dadurch standen sie über dem Gesetz und waren über jeden Zweifel erhaben. Sie konnten so viel Unsinn verbreiten, wie sie wollten: Gottesgnadentum oder Weihe verliehen eine unumstößliche Macht.

 

Die katholische Kirche ist eine absolutistische Monarchie. Sie wird regiert von Papst und Bischöfen, deren Autorität aufgrund der Weihe als unumstößlich gilt. Dadurch können sie so viel Schaden anrichten, wie sie wollen: Sie bleiben im Amt. Der Glaubenssinn des Gottesvolkes und der Synodale Weg sind ohne das Votum der Kirchenmonarchen keinen Pfifferling wert. Nichtgeweihte Katholiken bleiben abhängige Untertanen.

 

Durch die Gutachten zur sexuellen Gewalt kann die Weltöffentlichkeit mittlerweile hinter die klerikale Kulisse schauen. Die moralische Autorität ist dahin, die Glaubwürdigkeit der Hierarchie ruiniert, die fromm getarnte Inkompetenz einiger Mitraträger entlarvt. Sie beschädigen das Ansehen der Botschaft, die sie verkünden, und der Institution, für die sie stehen. Ein Schicksal wie dasjenige der letzten weltlichen Monarchen am Vorabend der Revolutionen. Die historische Parallele ist erschütternd. 

 

Christen sollen die Zeichen der Zeit sehen und darin das Wirken des Heiligen Geistes. Ob es höchste Zeit ist für wirkliche Demokratie in der Kirche, für zeitlich begrenzte Ämter, selbstverständlich auch für Frauen? Für ein Amt, das weniger ontologisch „von oben“ und mehr funktional „von unten“ begründet wird? Das als ganz normaler Beruf gilt, mit Berufung, aber ohne magische Überhöhung? Erst wenn Macht begrenzt ist, wird sie kontrollierbar. Die Kathedra wird moralisch weniger wackeln, wenn diejenige Person, die darauf sitzt, nach jeweils zehn Jahren zurücktreten muss. Der frische Wind, der dadurch entsteht, wird viele aufatmen lassen.

Werdet erwachsen!

Viele katholische Christinnen und Christen leiden an chronischer Unterwürfigkeit. Sie wurden in eine monarchisch verfasste Kirche hineingetauft und werden diese Prägung zeitlebens nicht mehr los. Steht eine Papstwahl an, so sagen sie: „Hoffentlich kriegen wir einen guten Papst, einen menschenfreundlichen und aufgeschlossenen.“ Wird ein neuer Bischof ernannt, so hoffen sie, „dass man einigermaßen normal mit ihm reden kann“, so als sei das schon etwas Besonderes. Selbst der neue Pfarrer darf „nicht so zugeknöpft“ daherkommen, er soll vielmehr „nahe bei den Menschen“ sein. 

 

Das ist einerseits verständlich, denn man möchte sich über die Leitungspersonen mit dem Ganzen identifizieren. Andererseits hat das klerikale Kirchenmodell keine Zukunft. Denn wer sich zeitlebens von Autoritäten her definiert, bleibt kindlich, und wer sich unentwegt an ihnen abarbeitet, kommt geistig über die Pubertät nicht hinaus. Infantile Christinnen und Christen brauchen Überväter, pubertierende suchen Sündenböcke für alles, was ihnen nicht passt, nur erwachsene haben Geschwister. Welche Bedeutung hat denn der Papst für den Glauben, also für die ganz persönliche Beziehung zu Gott? Keine! Und was kann ein Bischof allein wirklich verändern? Nichts! 

 

Ich selbst werde häufig danach gefragt, was ich vom Papst halte, wie ich zu Woelki stehe und warum meiner Meinung nach Marx so früh das Handtuch werfen wollte. Viel häufiger jedenfalls, als dass ich auf meine Erfahrungen mit Gott und meine Beziehung zu Jesus Christus angesprochen werde. Es gibt sogar Menschen, die treten wegen Woelki aus der Kirche aus, was ist das für eine infantile Abhängigkeit! Ein Mensch kann doch nur so viel Macht über mich haben, wie ich ihm gebe, er kann nur so wichtig sein, wie ich ihn wichtig nehme. Wir sollten deshalb aufhören, die Zukunft der Kirche vom Wohlwollen der Hierarchie abhängig zu machen oder auf einigermaßen akzeptable Amtsträger zu hoffen. Denn die sind genauso überfordert und ratlos wie wir alle. Nur eine synodale und geschwisterliche Kirche kann erwachsen werden. 

Pastorale (T)Räume?

Die Gründung großer pastoraler Räume, die aus mehreren Pfarreien bestehen, halte ich für alternativlos. Sie sind der einzige Weg, dem Rückgang des kirchlichen Lebens praktisch zu begegnen, jedenfalls unter den derzeitigen kirchenrechtlichen Bedingungen: Priesterfixierung, Frauenfeindlichkeit, Monarchie. Wenn man meint, nichts weiter tun zu können, als das vorhandene Personal auf die Fläche zu verteilen, werden die pastoralen Räume mit der Zeit immer größer. Alle paar Jahre wird man diese Räume erweitern und hoffen, genügend Ehrenamtliche zu finden, die aus der Not eine Tugend machen und die seelsorglichen Lücken zu schließen versuchen. Das bedeutet jedoch: Wir behandeln die Symptome und verdrängen die Ursachen. Wir verwalten den Abbruch und verhindern den Aufbruch. Dann macht der letzte Bischof das Licht aus.

 

Zur Alternativlosigkeit der pastoralen Räume gehört die Ratlosigkeit der pastoralen Träume. Es geht ja nicht nur um leere Kirchen und die spirituelle Kraftlosigkeit der Getauften. Es geht um die Relevanz des Glaubens und darum, ob die befreiende Botschaft des Evangeliums noch glaubhaft bezeugt und gelebt wird. Tatsächlich kommen die volkskirchlichen Reste zumeist als Zivilreligion daher, die für bestimmte Lebenswenden Rituale anbieten soll: Geburt, Heirat, Tod, inklusive der Folklore bei Erstkommunion und Firmung sowie der religiösen Rudimente in Kindergarten und Schule. Für die Befriedigung solcher Urbedürfnisse braucht man weder einen Gott noch einen Erlöser. Das alles mag furchtbar nett sein, aber es bleibt erschreckend folgenlos, es ist weder nachhaltig noch gemeindebildend. Wie sollen Seelsorgerinnen und Seelsorger eigentlich damit klarkommen, hauptsächlich diesen archaisch-magischen Service zu bedienen? Wer einmal als Christ für Jesus gebrannt hat, wird als Eventmanager ausbrennen; wer eigentlich ein geistliches Leben führen will, wird an Erwartungen verkümmern, die mit der Nachfolge Christi kaum noch etwas zu tun haben. Eine Angebotsreligion, die sich in pädagogisierenden Moralitätchen erschöpft, führt in die Erschöpfung. Nur der geteilte Glaube bleibt lebendig.

 

Die pastoralen Räume kriegen wir hin, sie stellen die gut organisierte Bedeutungslosigkeit eines reformresistenten Kirchenapparats dar, sie bilden faktisch die äußere Fassade des Relevanzverlusts. Doch was bleibt vom Glauben? Bisher nehme ich nur Rückzug wahr, eine geteilte Ratlosigkeit, ja, ein resigniertes Abwarten. Wer erklärt die Bibel? Wer lehrt den Glauben? Wer hat etwas zu sagen, das wirklich nährt? Ist die Kirche gottlos geworden? Gott ist größer als die Kirche, das macht Mut.

Der Zölibat muss fallen

Der Zölibat muss fallen. Was der Glaubenssinn des Volkes Gottes seit Jahrzehnten fordert, was menschliche Vernunft und seelsorgliche Verantwortung gebieten, ist durch den Missbrauchsskandal noch einmal verschärft worden: Die kirchenrechtliche Verbindung zwischen Ehelosigkeit und Weiheamt gehört in die Mottenkiste der Kirchengeschichte. Sie hat unsägliches Leid verursacht und ist eine strukturelle Sünde der Kirche.

 

Biblisch, historisch und theologisch ist dazu bereits alles gesagt. Tatsächlich gibt es nur wenige Priester, deren Ehelosigkeit spirituell fruchtbar ist; die meisten beginnen ihren Dienst mit hohen Idealen, die sie wenig später einsam in Frage stellen. Wegen des Zölibats ist der Priesterberuf nicht attraktiv, geben hervorragende Seelsorger ihr Amt auf, werden Kollegen komisch und krank. Wegen des Zölibats kommt es zu Pastoralen Großräumen und zur Vernachlässigung der Eucharistie. Durch den Zölibat ist eine männerbündische, frauenfeindliche und selbstverliebte Hierarchie entstanden, die unter sich bleiben will. Der sexuelle Missbrauch schließlich gehört zu den Kollateralschäden des Pflichtzölibats, weil unreife Männer im klerikalen und homophilen Milieu des Priesterseminars unterkommen, statt sich ihren eigenen Untiefen zu stellen. Nimmt man diejenigen Priester hinzu, deren Übergriffe zwar nicht justiziabel waren, die in der Öffentlichkeit aber „verbrannt“ sind, so muss man feststellen: Da ist ein tiefer Sumpf, den Papst und Bischöfe offensichtlich in Kauf nehmen. Warum? Haben sie Angst vor einer Kirchenspaltung? Stecken sie vielleicht selbst in Seilschaften fest und fürchten die Fallhöhe? Oder sind sie einfach naiv? Der ständige Verweis auf die Weltkirche, derentwegen „man nichts machen kann“, ist eine billige Ausrede. 

 

Unsere Bischöfe sollen die Kirche leiten, gemeinsam mit dem Papst. Die meisten, so scheint mir, treten dabei zwar auf, bringen aber nur wenig voran. Hervorragend bezahlte Abwarter, Alles-beim-Alten-Lasser, Kopf-in-den-Sand-Stecker, Beschwichtiger und Frommsülzer. Dieses Nichtstun ist nicht nur verantwortungslos, sondern desaströs. „Warum habt ihr solche Angst?“, fragt Jesus. „Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40). Gegen den postmodernen Individualismus und den damit verbundenen Relevanzverlust des Glaubens können wir nur wenig tun. Alle anderen Kirchenprobleme sind hausgemacht. Die meisten hängen mit dem Pflichtzölibat zusammen. Wer den Klerikalismus überwinden will, muss den Zölibat abschaffen.

Sonntag, 8. Dezember 2024

Wahlaufruf (Vorsicht, Satire!)

P.O.M. – Partei ohne Menschen

Die katholische Lösung für sämtliche Probleme der Welt

 

(Vorsicht, Satire!) Klimawandel, Flüchtlingskrise, Rechtspopulismus, Krieg: Endlich gibt es eine Partei, die alle diese Probleme binnen hundert Jahren vollständig gelöst haben wird, und zwar durch die sukzessive Subtraktion der Menschheit zugunsten des globalen ökologischen Gleichgewichts. Konkret handelt es sich um die Partei ohne Menschen (P.O.M.), die nach katholischem Vorbild den weltweiten Pflichtzölibat einführen will. Die katholische Null-Kind-Politik, so der Noch-Parteivorsitzende Nihilos Misanthrópolos, erweist sich als das einzig wirksame Mittel, nicht nur der Überbevölkerung Herr zu werden, sondern auch den Menschen an sich zum Auslaufmodell zu machen. Nur dadurch, so Misanthrópolos, könne dem Naturschutz die oberste Priorität eingeräumt werden. 

 

Durch die Einführung des globalen Pflichtzölibats würden sukzessive alle sozialen und ökologischen Probleme gelöst. Das Ziel sei eine konfliktfreie Welt ohne Grenzen, ohne Kriege und Krisen. Nach spätestens neun Monaten könnte man auf Hebammen und Kreißsäle verzichten, nach fünf weiteren Jahren auf Kindergärten. Dreizehn Jahre später wären Schulen überflüssig, zehn weitere Jahre würde es dauern, bis man jede Art von beruflicher und universitärer Bildung auslaufen lassen könnte. Die volkswirtschaftlichen Einsparungen vor allem im Lohnsektor wären immens, die gesteckten Klimaziele würde aufgrund des geringeren Verkehrsaufkommens viel schneller erreicht. Und das alles ohne weitere Investitionen in Elektroautos, Digitalisierung und klimaneutrale Technik.

 

Infrastruktur und Bauwirtschaft könnten sodann auf ein befristetes Erhaltungs- und Reparaturniveau abgesenkt werden. Das Konsumverhalten würde schrittweise eingedämmt bis zur völligen Bedürfnislosigkeit. Keine Massentierhaltung, keine genveränderten Lebensmittel, keine stinkenden Fabriken für ohnehin überflüssige Konsumgüter, keine Kreuzfahrtschiffe. Durch das zu erwartende Fehlen von Pflegekräften und medizinischer Forschung könnten viele Einrichtungen des Gesundheitswesens schnell und unkompliziert abgewickelt werden. Beamte und Bestatter werden selbstverständlich bis zum Ende durchhalten. 

 

Dann aber könnte sich das Weltklima vollständig erholen, die Natur würde aus hässlichen grauen Städten wieder schöne grüne Landschaften machen. Das Ruhrgebiet beispielsweise wäre ein großer See mit vielen Tierarten, die Wolkenkratzer in New York und anderen Metropolen wären spätestens nach fünfzig Jahren von Bäumen überrankt, so dass sie einstürzen und noch eine Zeitlang als Ruinen einer ungeahnten Biodiversität Platz machen könnten. 

 

Eine Erde ohne Menschen wird ein gewaltfreies Biotop sein, das zu hundert Prozent nachhaltig und völlig naturbelassen ist. Der Pflichtzölibat würde selbstverständlich von allen Menschen mit großer Freude übernommen, völlig freiwillig, solidarisch mit der Natur sowie als gläubiges Zeichen für die Ewigkeitshoffnung. Denn bei Gott werden sich ja ohnehin alle Menschen wiedersehen, die jetzt um des Himmelreiches und der ökologischen Nachhaltigkeit willen demütig auf Fortpflanzung verzichten. Die Wissenschaft hat zweifelsfrei festgestellt, dass sich auf Erden nur ohne den Menschen Pflanzen und Tiere ungestört entfalten und vermehren können. 

 

P.O.M., die Partei ohne Menschen, ist grüner als die Grünen, gerechter als die Sozialdemokratie, liberaler als der Kapitalismus und wegen des schöpfungstheologischen Aspekts ohne Zweifel christlicher als die Unionsparteien. Darüber hinaus wird sie sämtliche Nationalisten völlig schmerzlos im braunen Sumpf kompostieren. 

 

Die katholische Kirche hat den Wahlaufruf der P.O.M. bereits begeistert aufgenommen. „Endlich hat jemand das Geschenk des Zölibats richtig verstanden und global ausgeweitet“, hieß es aus dem Vatikan. „So wird die ganze Welt spätestens in hundert Jahren erfahren, was Erlösung bedeutet.“ Agnus Kardinal Popeia, der vatikanische Staatssekretär, zitierte aus der Geheimen Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen“ (Offenbarung 21,4). Durch puren altruistischen Reproduktionsverzicht wäre auch die leidige Diskussion um Kirchenreformen erledigt, Mission und Evangelisierung könnten beherzt eingestellt werden, das Reich Gottes nähme ohnehin seinen Lauf. Halleluja! 

 

Treten wir ein für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Ökologie! Überlassen wir die Erde sich selbst, dann wird um des Himmelreiches willen endlich alles gut. Der Pflichtzölibat ist die Lösung für alles und für alle, ganz nach katholischem Vorbild. Wählen Sie deshalb P.O.M. – die Partei ohne Menschen! (Satire Ende)

Montag, 23. August 2021

Freiheit

Was haben Sie vermisst – in den letzten anderthalb Jahren während der Corona-Pandemie? Darüber habe ich in dieser Woche nachgedacht. Vermisst habe ich den Händedruck, die Gesichter, Begegnungen, das Singen und das Mahlhalten. Ich kenne einige Menschen, die haben darüber hinaus noch etwas vermisst. Etwas, das grundlegend ist für eine demokratische Gesellschaft. Sie sind dafür auf die Straße gegangen und haben Regeln missachtet. Sie sind Verschwörungstheorien auf den Leim gegangen und haben fahrlässig andere gefährdet. Sie haben etwas vermisst, obwohl es die ganze Zeit da war. Etwas, das ich überhaupt nicht vermisst habe: die Freiheit!

 

Es geht also um Freiheit. Doch was ist das eigentlich, Freiheit? Es gibt zum einen die Freiheit von etwas oder jemandem. Man befreit sich von ungeliebten Bindungen, von alten Gewohnheiten, von Autoritäten: Freiheit als Befreiung ist das, als Trennung von dem, was man ablehnt oder loswerden will. Zum andern gibt es die Freiheit zu etwas oder jemandem. Da hat jemand die Möglichkeit, Neues zu wagen: Das ist die Freiheit als Ermöglichung zum Aufbruch.

 

Es gibt auch eine genommene und eine geschenkte Freiheit. Einfaches Beispiel: Eine Mutter fordert ihren Sohn, der am Sonntagmorgen noch im Bett liegt, auf, mit zur Kirche zu gehen. Sie lädt ihn ein, aber sie zwingt ihn nicht. Als er nicht aufstehen will, sagt sie: „Du hast die volle Freiheit zu glauben oder nicht.“ Das ist die geschenkte Freiheit. Wenn der Sohn dann aber sagt: „Du hast mir doch die Freiheit gegeben, und allein deshalb brauche ich ja nicht mitzukommen. Ich kann machen, was ich will“; dann nimmt er sich die Freiheit heraus, dann ist das eine genommene Freiheit, die ohne Argumente auskommt und beliebig bleibt. Die Mutter will den Sohn zum Glauben befreien, der Sohn jedoch hat sich nur davon befreien wollen. Die geschenkte Freiheit fordert heraus, die genommene macht gleichgültig.

 

Hier wird für mich deutlich: Freiheit und Verantwortung brauchen einander, und Freiheit geht nicht ohne Bindung. Die Freiheit von kann infantil oder pubertär bleiben, weil man keine Verantwortung übernehmen will; die Freiheit zu ist erwachsen und reif, weil man seine eigene Verantwortung sieht und wahrnimmt. Freiheit will jeder, Verantwortung leider nicht. Die Freiheit drängt sich vor, die Verantwortung kommt, wenn überhaupt, erst später. Beide gibt es jedoch nur im Doppelpack: Zuspruch und Anspruch gehören zusammen.

 

Für mich gehören Freiheit und Verantwortung zusammen. Freiheit darf nicht beliebig sein, nicht einfach genommen werden ohne Rücksicht auf andere. Ich meine: Nicht der ist frei, der tun und lassen kann, was er will, sondern der ist frei, der wollen kann, was er soll. Also derjenige, der in aller Freiheit seine Verantwortung wahrnimmt. Nicht beliebig, sondern verbindlich.

 

Eine letzte Unterscheidung ist die zwischen innerer und äußerer Freiheit. Es gibt Menschen, die man mit Freiheitsentzug bestraft hat, auch um ihre Gedanken unschädlich zu machen. Gerade solche Menschen haben oft eine unglaubliche innere Freiheit entwickelt. Ich denke etwa an Dietrich Bonhoeffer oder Nelson Mandela. Die Gedanken sind frei, aber das ist mitunter sehr anstrengend, es bedarf einer großen inneren Disziplin. Andererseits gibt es Menschen, die jede äußere Freiheit haben und doch innerlich ganz gefangen sind. Die nicht zu sich selbst finden, nicht zu anderen, nicht zu Gott. Sie wollen alles haben und verlieren sich dabei selbst.

 

Für mich ist Freiheit ein hohes Gut. Sie ist immer eine geschenkte Freiheit. Ich möchte die Freiheit schützen, die mit Verantwortung zu tun hat. Die Freiheit aber, die man sich nur herausnimmt, die ansonsten beliebig bleibt, die sehe ich kritisch. Jeder kann sagen, was er will. Das Gemeinwohl jedoch geht vor. Toleranz ist nicht grenzenlos, sie beruht auf Gegenseitigkeit und endet bei der Intoleranz der anderen. 

 

Auch Glauben hat für mich mit Freiheit und Verantwortung zu tun. Ich bin so frei, ich glaube an Gott – und wünsche Ihnen seinen Segen.


(Morgenandacht am 21.08.2021 auf WDR 3+5)

Freitag, 20. August 2021

Mahlhalten

Liebe Kumpanen! Vielleicht wundern Sie sich über diese Anrede: Liebe Kumpanen! Kumpane, das klingt wie Kumpel; wie jemand, mit dem man etwas aushecken will. Doch die Anrede hat schon ihren Sinn. Das Wort kommt von lateinisch „cum“ und „pane“. „Cum“ heißt übersetzt „mit“, und „pane“ heißt „Brot“. Kumpanen sind diejenigen, die miteinander ihr Brot essen, die also Gemeinschaft haben am selben Brot.

 

Das genaue Gegenteil von den Kumpanen sind die Eigenbrötler. Wer sein Brot alleine isst, wer keine Tischgemeinschaft sucht, wer sein Brot nicht teilen mag, der ist Eigenbrötler. Wer sich absondert und eigenartig wird, wer sein Leben nicht teilen, sich nicht mitteilen mag, der ist Eigenbrötler. Und meint am Ende, er kriegt sein Leben ganz allein gebacken.

 

In den letzten anderthalb Jahren sind viele zum Eigenbrötler geworden. Cafés und Restaurants hatten immer wieder geschlossen, private Gäste aus anderen Haushalten waren nicht erlaubt. Und so saßen viele allein am Tisch, waren auf sich selbst zurückgeworfen. Denen, die allein leben, ist das besonders schwergefallen. Die anderen hatten ja noch die Mahlgemeinschaft zu Hause, vielleicht sogar ihren „Gemahl“ und ihre „Gemahlin“. In diesen alten Worten schwingt noch mit, dass man beim Mahlhalten nicht nur das Essen teilt, sondern auch Gedanken, Nähe und Liebe, eben das Leben.

 

Die Bibel erzählt oft vom Mahlhalten. Zwei Mahlzeiten stechen besonders hervor: das Mahl der Fünftausend und das Mahl mit den Zwölf. 

 

Die Menschen hören Jesus lange zu. Nun ist es Abend, und alle haben Hunger. Seine Jünger wollen die Leute schon nach Hause schicken. Doch Jesus sagt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Ein kleiner Junge bringt fünf Brote und zwei Fische. Jesus betet und teilt. Und alle werden satt. Am Ende sind noch zwölf Körbe voll Brot übrig. Fünftausend Menschen sollen es gewesen sein. Ein wenig Brot reicht für alle.

 

Am Abend vor dem Karfreitag findet wieder ein Mahl statt. Jesus teilt das Brot und sagt: „Das ist mein Leib für euch.“ Er teilt den Wein: „Das ist mein Blut für euch, das ist mein Leben.“ Er will damit sagen: „Das bin ich für euch. Denkt an mich, wenn ihr Brot und Wein miteinander teilt.“ Am Tag darauf stirbt er am Kreuz. Als er aufersteht, begreifen seine Jünger, dass er mit dem Mahl sich selbst meint. Wenn die Jünger sein Mahl feiern, ist Jesus gegenwärtig.

 

Zwei besondere Mahlzeiten: Das Mahl der Fünftausend, das Mahl mit den Zwölf. Aus dem ersten entsteht das, was die Kirchen Diakonie nennen oder Caritas: Menschen, die müde und hungrig sind, haben ein Recht darauf, dass jemand mit ihnen teilt. Menschen, die traurig sind, brauchen Trost und Nähe. Wer krank ist, soll Hilfe bekommen. Dienst am Nächsten: Das ist der ganzen Kirche aufgetragen, das ist das Gebot der Stunde für alle.

 

Aus dem zweiten Mahl, dem Mahl mit den Zwölf, entstand die christliche Liturgie: das Abendmahl, die Eucharistie. Hier geht es um Jesus selbst, um seine Lebenshingabe am Kreuz. Hier wird Gemeinschaft geschenkt, miteinander und mit Gott. Kommunion ist ein gutes Wort dafür, denn Communio bedeutet Gemeinschaft. 

 

Das Brot der Diakonie, das Brot der Fünftausend ist für alle bestimmt. Daran sollen alle Anteil haben. Denn der Dienst am Nächsten kennt keine Grenzen. Das Brot der Eucharistie, das Abendmahl mit den Zwölf jedoch ist für die Freunde Jesu bestimmt. Es ist die Mitte derer, die Jesus wirklich nachfolgen.

 

Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, zu den Fünftausend gehören, dann wünsche ich Ihnen, dass Sie Menschen begegnen, durch die Sie Gottes Güte erfahren und auf den Geschmack kommen. Und wenn Sie zu den Zwölf gehören, dann wünsche ich Ihnen, dass Sie offen bleiben und andere auf den Geschmack bringen: Den Geschmack am Leben, am Glauben, an Gott.


(Morgenandacht am 20.08.2021 in WDR 3+5)